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Trend zu mehr Sicherheit Retten Sie Leben mit Ihren Produkten

Immer mehr Unternehmen bringen Sonnenschutzlösungen auf den Markt, die im Notfall einen Rettungsweg in kurzer Zeit freigeben. sicht+sonnenschutz hat mit einem Hersteller und einer Architektin gesprochen, um herauszufinden, warum das Thema an Wichtigkeit gewinnt.

Wer sich auf der vergangenen R+T in Stuttgart umgesehen hat, der hat sicherlich mindestens einmal den Begriff „zweiter Rettungsweg“ aufgeschnappt. Kurz zur Erklärung: In § 33 der Musterbauordnung (MBO) steht, dass es für Nutzungseinheiten mit mindestens einem Aufenthaltsraum wie Wohnungen, Praxen oder selbstständigen Betriebsstätten in je dem Geschoss mindestens zwei voneinander unabhängige Rettungswege ins Freie geben muss. Der zweite Rettungsweg kann eine weitere notwendige Treppe oder eine mit Rettungsgeräten der Feuerwehr erreichbare Stelle der Nutzungseinheit sein, wie z.B. ein Fenster. Wenn ein Fenster als zweiter Rettungsweg gedacht ist, darf es laut MBO nicht mehr als acht Meter über der Geländeoberfläche liegen. Des Weiteren heißt es, dass dieses Fenster mindestens 0,90 Meter mal 1,20 Meter groß und nicht höher als 1,20 Meter über der Fußbodenoberkante angeordnet sein sollte.

VON ENDKUNDEN GETRIEBEN

Diese Anforderungen in der MBO sind nicht neu, doch sind sie gerade wieder aktuell – insbesondere in der Sonnenschutzbranche. Durch die zunehmende Elektrisierung von Verschattung kann diese im Brandfall mit Stromausfall nämlich einen zweiten Rettungsweg versperren – und das kann lebensgefährlich sein. Elektrischen Sonnenschutz wie beispielsweise Rollläden gibt es nun aber nicht seit gestern. Warum beschäftigen sich immer mehr Hersteller aus der Sonnenschutzbranche gerade jetzt mit Lösungen, die im Brandfall auch ohne Strom funktionieren und den Rettungsweg freigeben? „Endverbraucher haben verstärkt bei unseren Kunden danach gefragt, diese Anfragen wurden an uns weitergeleitet und wir haben mit einem Produkt geantwortet“, sagt Alexander Vogt, Leiter Marketing, Produkt- und Projektentwicklung bei Selve in Lüdenscheid. Es waren also letztendlich die Sorgen einzelner Bauherren, die bei Selve die Entwicklung eines Sicht- und Sonnenschutzes, der dem zweiten Rettungsweg nicht im Weg steht, vorangetrieben haben. Hinzu kam laut Vogt, dass das Thema punktuell in einigen Landesbauordnungen (LBO) Einzug gehalten habe. Zwar gibt es dort keine neuen Auflagen in Bezug auf Sonnenschutz, doch die Aufmerksamkeit der Menschen wurde auf das Thema Brandschutz gelenkt. Getrieben von der Nachfrage der eigenen Kunden und dem allgemein gestiegenen Interesse – vielleicht auch wegen spektakulärer Brände in der Vergangenheit, wie dem Feuer im Torch Tower in Dubai im Jahr 2015 – brachte Selve im Februar 2018 das Produkt SP Rescue auf den Markt. Der Antrieb für Rollläden sei in der Lage, in Wohnhäusern, Altenheimen oder auch Bürogebäuden mechanisch und in Sekundenschnelle einen zweiten Flucht- und Rettungsweg zu eröffnen.
Dass der zweite Rettungsweg präsenter in den Köpfen der Menschen wird, ist für Dipl.-Ing. (FH) Architektin Rita Obereisenbuchner vom Architekturbüro Obereisenbuchner eine erfreuliche Entwicklung: „Es ist gut, dass sich die Branche dem Thema annähert. Am zweiten Rettungsweg können Leben hängen, und deswegen ist es wichtig, Hersteller, Händler, Häuslebauer und Planer verstärkt zu sensibilisieren.“ In der Gebäudeplanung habe der Brandschutz in den vergangenen Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. So seien Brandschutznachweise und -konzepte inzwischen wichtige Bestandteile eines jeden Bauantrags. Komplexe Bauvorhaben erfordern für die Ausarbeitung dieser Nachweise besondere Fachkompetenz.
„Der Brandschutz spielt gerade in Sonderbauten wie Kindergärten eine große Rolle“, sagt die Architektin. „Bei uns im Büro ist er deswegen von Anfang an integraler Bestandteil der Planung – auch wenn es um Sonnenschutz geht.“ Noch vermeide Obereisenbuchner Sonnenschutzanlagen bei Fenstern oder Fenstertüren oder plane sie mit Abstand zum Fenster, wenn dort ein zweiter Rettungsweg angedacht ist.

SONNENSCHUTZ NICHT GEREGELT

Dies hänge damit zusammen, dass es bezüglich des zweiten Rettungs wegs keine allgemeingültigen Regelungen zum Sonnenschutz gibt. „Wenn ich eine Verschattung vor einem zweiten Rettungsweg plane, kann dieses System bei der Prüfung des Brandschutznachweises durchfallen – hier kommt es nämlich auf die individuelle Entscheidung des Sachverständigen an“, sagt Obereisenbuchner. „Wenn es dazu Regelungen gäbe, würde mir das die Arbeit erheblich erleichtern.“ Zudem bestehe bei Sonnenschutzanlagen mit Notfalllösungen derzeit die Schwierigkeit, dass einige Brandschutzsachverständige und Landratsämter fordern, dass jene Systeme in die gesamte Brandmeldeanlage integriert sind. Das sei zwar möglich, aber auch aufwändig und oft mit hohen Kosten verbunden. Dennoch befürworte sie die gegenwärtige Entwicklung bei Lösungen für den zweiten Rettungsweg.
Und wie sieht es bei Gebäuden in kleinerem Maßstab wie z.B. Einfamilienhäusern aus? Hier liegt die Vermutung nahe, dass z.B. einfache motorisierte Rollläden vielfach bei zweiten Rettungswegen zum Einsatz kommen. „In einem Privathaushalt ist der Brandschutz zwar ebenfalls vorgeschrieben, da wird jedoch häufig erst beim ersten Feuerwehreinsatz festgestellt, ob die Brandschutzrichtlinien eingehalten wurden“, sagt die Architektin. Deswegen sei sie froh, dass die Sonnenschutzbranche nun Lösungen anbietet, die im Notfall einen Weg freimachen, wo vorher vielleicht ein ganz normaler Elektrorollladen installiert worden wäre. Aber auch hier müssten die Menschen weiterhin verstärkt sensibilisiert werden, um das Thema voranzutreiben.
Das Kernprodukt der von den Rollladen- und Sonnenschutz-Fachbetrieben verarbeiteten und montierten Branchenprodukte war mit 25 Prozent Anteil am Gesamtumsatz der Rollladen. Dies geht aus dem Tätigkeitsbericht des Bundesverbands Rollladen + Sonnenschutz (BVRS) zu den Jahren 2017 und 2018 hervor.

RETTET LEBEN UND BRINGT KUNDEN

Dass der zweite Rettungsweg in den Fokus der Produktentwicklung bei Antriebsherstellern für Sonnenschutzlösungen rückt, ist demzufolge insbesondere in diesem Produktbereich wichtig und richtig – und womöglich ist die Empfehlung derartiger Produkte ein gewinnbringendes Argument im Kundengespräch. Wenn ein Fachbetrieb auf die Notwendigkeit eines zweiten Rettungswegs hinweist, spricht er das emotionale Thema Sicherheit an und kann so vielleicht manch einen Auftrag für sich gewinnen. Dass die Branche dieses Thema aufgreift, ist eine Win-win-Situation. Andrea Mateja

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