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68. ITRS-Mitgliederversammlung in Fulda IVRSA-Mitglieder haben die Qual der Wahl

„Wer nicht kämpft, hat schon verloren“ – der Titel des Motivationsvortrags des ehemaligen Weltklasse-Ringers Alexander Leipold auf der ITRS-Mitgliederversammlung in Fulda lässt sich leicht auf den Kampf des Industrieverbands Technische Textilien – Rollladen – Sonnenschutz um die nach Autonomie strebende Fachgruppe IVRSA übertragen. Die Diskussion um die Zukunft der Industrievereinigung Rollladen-Sonnenschutz-Automation brachte die gesamte Tagesordnung durcheinander; eine neue Option hat sich ebenfalls aufgetan.

Um 10:35 Uhr war die Fachgruppensitzung der IVRSA zu Ende – 50 Minuten später als geplant. Das lag an den zahlreichen Wortmeldungen der Teilnehmer zur verbandlichen
Zukunft der Fachgruppe. Zuvor hatte Wilhelm Hachtel, Vorsitzender der IVRSA, die Ergebnisse der Nutzwertanalyse vorgestellt, die den Mitgliedern als Entscheidungsgrundlage
dienen soll. Vier Optionen hatte der Vorstand dafür bewertet: (1) Die IVRSA verbleibt im ITRS, der Status quo wird beibehalten. (2) Die IVRSA wird eigenständig und die ITRS-Geschäftsstelle übernimmt als Dienstleister die Verwaltung und Geschäftsführung. (3) Die IVRSA wird eigenständig und baut ihre eigene Verwaltung und Geschäftsführung auf. (4) Die IVRSA wird eigenständig und sucht sich für Verwaltung und Geschäftsführung einen qualifizierten externen Dienstleister; im Gespräch ist hier der Heimtex-Verband, dem u.a. auch der Verband innenliegender Sonnenschutz (ViS) angehört.

NEUN KRITERIEN BEWERTET

Warum steht ein Austritt der IVRSA aus dem ITRS überhaupt zur Debatte? Hachtel erläuterte, dass die Industrievereinigung sich mit einer solchen Dynamik entwickelt habe, dass sie heute de facto schon ein eigenständiger Verband innerhalb des ITRS sei. Zudem gehe es darum, das von den IVRSA-Mitgliedern eingezahlte Sondervermögen in Höhe von zirka 340.000 Euro zu schützen. Solange die IVRSA keine eigene Rechtsperson sei, gehöre das Vermögen dem ITRS. Kurzum: „Wir empfehlen dringend, juristisch eigenständig zu werden“, sagte der IVRSA-Vorsitzende. Die Beweggründe werden im Laufe des Textes noch genauer erörtert.

Zurück zur Nutzwertanalyse: Wie ist der IVRSA-Vorstand vorgegangen, um die einzelnen Optionen zu bewerten? Laut Hachtel legte der Vorstand neun Kriterien fest, die für die
Zukunftsentscheidung relevant sind, gewichtete diese nach der Methode des Paarvergleichs und vergab schließlich Punkte für die einzelnen Kriterien. Besonders hoch gewichtet wurde die Sicherung des o.g. IVRSA-Sondervermögens. Des Weiteren hält der Vorstand als Entscheidungskriterium die Akzeptanz der Mitglieder für die vorgeschlagene Lösung für sehr wichtig; ebenso die Verbands- und Verwaltungskompetenz der Geschäftsstelle sowie die Qualität der Mitgliederversammlung. „Die Mitgliederversammlung ist die Grundlage dafür, dass wir uns verbinden können. Persönliches Vertrauen ist die Grundlage unserer gemeinsamen Arbeit“, sagte Hachtel.

EIGENSTÄNDIGKEIT MIT DIENSTLEISTER ALS BEVORZUGTE OPTION

Das Ergebnis nach Nutzwertanalyse und Risikobewertung: Die Beibehaltung des Status quo wird wegen der geringsten Punktezahl (72) ausgeschlossen, ebenso wie die Option 3 (komplette Eigenständigkeit) aufgrund des nicht kalkulierbaren Risikos bei der Umsetzung (138). Als Optionen übrig bleiben die Variante 4 (Eigenständigkeit mit externem Dienstleister; 154) und die Variante 2 (Eigenständigkeit mit dem ITRS als Dienstleister; 143). Wie Hachtel betonte, sage dieses Ergebnis noch gar nichts über die Zukunft der Fachgruppe aus. „Wir haben mit der Nutzwertanalyse keine Entscheidung getroffen, sondern eine Entscheidungsgrundlage vorbereitet“, sagte der IVRSA-Vorsitzende. Die endgültige Entscheidung werden die IVRSA-Mitglieder nach seinen Angaben frühestens beim Entscheidertreffen im zweiten Quartal 2019 treffen. Der vom Vorstand präferierten Lösung müsse dabei selbstverständlich nicht gefolgt werden. Auch werde dort sicherlich über die Optionen, die zugrunde gelegten Kriterien und deren Gewichtung zu diskutieren sein.

DISKUSSIONSBEDARF IM PLENUM

So lange wollten viele Teilnehmer der IVRSA-Fachgruppensitzung nicht warten und äußerten unmittelbar nach Hachtels Vortrag ihre Meinung zur IVRSA-Zukunft. Als Erster meldete sich Thomas Roman, Geschäftsführer von Röder Zeltsysteme und Service, zu Wort, der am Vortag einstimmig zum neuen ITRS-Präsidenten gewählt wurde. Er bemängelte, dass das Kriterium der Mitgliederversammlung bei den beiden Optionen mit ITRS-Beteiligung generell niedriger bewertet wurde als bei den beiden anderen Optionen – obwohl hier noch gar keine Erfahrungswerte vorliegen. „Sie haben Recht. Vielleicht würden wir nach dieser Mitgliederversammlung anders bewerten“, antwortete Hachtel. Im Ergebnis würden dann nach seinen Angaben die Optionen 2 und 4 noch enger zusammenrücken. Angesichts der Momentaufnahme bei der Bewertung plädierte
Justus Schmitz, zuletzt stellvertretender Vorsitzender im ITRS-Vorstand, dafür, dem neu gewählten Vorstand (siehe Kasten) sowie dem neuen Geschäftsführer Lars Rippstein
eine Chance zu geben. „Sie verdienen es“, sagte Schmitz unter dem Applaus vieler Anwesender. Hachtels Replik: „Das Rennen um den Sitz der Verwaltung ist offen.“ Die bisherige Zusammenarbeit mit der neuen Geschäftsstelle in Fulda lobten er und die stellvertretenden IVRSA-Vorsit zenden Hans-Albrecht Kohlmann und Klaus Braun explizit. Um die Verwaltung ging es auch Kadeco-Geschäftsführer Ulf Kattelmann. Er regte an, neben dem Heimtex-Verband weitere externe Dienstleister in die Entscheidungsfindung einzubeziehen. Hachtel zeigte sich für Vorschläge offen.

DIE ROLLE DES SONDERVERMÖGENS

Ingo Legnini, stellv. Geschäftsführer bei Reflexa, befasste sich mit dem Kriterium der Vermögenssicherung. Er rechnete vor, dass es nur um zirka 8.000 Euro pro Unternehmen gehe, und fragte, ob es außer dem gravierenden Schritt in die Eigenständigkeit weitere Möglichkeiten gebe, um das Sondervermögen zu sichern. „Wenn wir als IVRSA keine Rechtsperson sind, ist das schwierig“, sagte Hachtel. Den Einwand von Roman, dass die Fachgruppe durch das – abgelehnte – Mitwirken im Präsidium Kontrolle über das Vermögen gehabt hätte, wies der IVRSA-Vorsitzende zurück. „Wenn der ITRS untergeht, ist das Geld trotzdem weg.“ Zum Hintergrund: Die IVRSA sieht ihr Vermögen durch die in den vergangenen Jahren zurückgehenden Reserven des ITRS aufgrund leicht negativer Jahresabschlüsse gefährdet. Das sei aber eine bewusste Entscheidung des Verbands gewesen, wie Roman und Rippstein erläuterten. „Wir wollten die Mitgliedsbeiträge nicht erhöhen und leben von unserem Ersparten“, sagte Roman. Außerdem sei der Verband finanziell auf einem guten Weg: „Wir sind ein gesunder Verband und haben unsere Finanzen im Griff.“ Rippstein versicherte ergänzend dazu, dass das Sondervermögen dem ITRS nicht zur Verfügung stehe. „Wir müssen selbst gut haushalten. Es ist keine Option, dass das IVRSA-Sondervermögen für den ITRS genutzt wird.“

IVRSA UND BKTEX ALS ZWEI STARKE FACHGRUPPEN

Dynamik in die Diskussion brachte der ITRS-Justiziar Konrad Hochhausen. Demnach beinhaltet die Satzung die Möglichkeit, eine Fachgruppe in einen eingetragenen Verein umzuwandeln, der aber Fachgruppe bleibe. Die IVRSA trete dann als Verein im Verein auf und sichere so ihr Vermögen ab. Charmant wäre diese Lösung insbesondere vor dem Hintergrund, dass auf der ITRS-Mitgliederversammlung die Weichen für die Zukunft des Industrieverbands gestellt wurden. Wie Rippstein im Gespräch mit sicht+sonnenschutz sagte, soll es in Zukunft zwei starke Fachgruppen unter dem Dach des ITRS geben: IVRSA und BKTex. „Im Augenblick haben wir zu viele atomisierte Fachgruppen. Wir wollen die Fachgruppen, die neben der IVRSA existieren, in einer Fachgruppe zusammenfassen, damit sie schlagkräftiger werden“, sagte der Geschäftsführer. Die IVRSA sei dabei Vorbild: „Die IVRSA tickt so, wie wir uns in Zukunft in der BKTex-Fachgruppe aufstellen müssen.“ Die Satzung soll dafür nun geändert
werden.

Die Option, dass die IVRSA ein eigener Verein unter dem Dach des ITRS wird, hatte der IVRSA-Vorstand im Vorfeld nicht berücksichtigt, ferner war die sog. Zwei-Säulen-Lösung
bis dato nicht bekannt. Der Vorstand machte aber sogleich deutlich, dass man sich in einem offenen Prozess befinde, und entschied kurzerhand, diese Variante als weitere Option in den Entscheidungsprozess aufzunehmen. Bei den Teilnehmern stieß das auf Wohlwollen, wie der kräftige Zwischenapplaus zeigte. Hachtel äußerte sich indes skeptisch und sprach sich im Namen des Vorstands für mehr Autonomie aus. „Vielleicht ist uns das Dach etwas zu klein“, formulierte er bewusst flapsig.

KEINE SCHNITTMENGE MEHR VORHANDEN?

Was er damit meinte: In seinen Augen fehlen zunehmend die Berührungspunkte mit den anderen ITRS-Fachgruppen. „Es gibt strategische Optionen, die für uns in Zukunft bedeutungsvoller sind als die aus der Historie herauskommende Fähigkeit des BKTex, Nähte zu bilden“, sagte Hachtel. Die IVRSA verfolgt demnach eine Wachstumsstrategie mit dem Thema Energieeffizienz, in deren Rahmen die Komponenten Fenster, innen und außen liegender Sonnenschutz sowie Automation eine entscheidende Rolle spielen. „Die Zukunft ist die smarte Gebäudetechnik. Unsere Zielsetzung ist es, den Umsatz zu verzehnfachen, indem der Sonnenschutz als Energiesystem im Gebäude gesetzlich verankert wird.“ Dass es durch diese Fokussierung keine Schnittmenge mehr gebe, stellten mehrere Teilnehmer infrage. Sandra Musculus vom gleichnamigen Unternehmen betonte, dass das Markisentuch nicht nur die Optik der Sonnenschutzlösung beeinflusse, sondern auch maßgeblich die Energiewerte. Roman erläuterte, dass Energieeffizienz auch Thema im Zeltebau sei. Er sieht generell das Textile als verbindendes Element zwischen den einzelnen Fachgruppen. Für Rippstein wiederum ist die Konfektion technischer Textilien neben dem Digitaldruck und der CO2-Einsparung nur eines von mehreren übergreifenden Themen. „Im Bereich der textilen Konfektion werden wir auch weiter zusammenarbeiten“, sagte Hachtel. Ansonsten müsse sich die IVRSA aber vorrangig um andere Engpässe kümmern, wie z.B. die Integration von Sonnenschutz ins SmartHome. Seine dezidierte Meinung: Die Realität habe schon Fakten geschaffen, die Trennung sei eigentlich schon vollzogen – auch emotional, trotz der historisch gewachsenen Verbindung mit dem ITRS. „Die Fachausschüsse der IVRSA arbeiten vollständig autonom. Und es gibt wenig Inte resse seitens der ITRS-Mitglieder, was dort passiert.“ Um gekehrt gelte das Gleiche.

ITRS BRAUCHT NEUES SELBSTBEWUSSTSEIN

Dass er damit nicht ganz falsch liegt, zeigte die Tatsache, dass nicht alle ITRS-Mitglieder der IVRSA-Fachgruppensitzung beiwohnten. Umgekehrt waren die meisten IVRSA-Mitglieder schon abgereist, als die Sitzung der ITRS-Fachgruppen begann. Das war insofern schade, als es hier noch interessante Meinungsäußerungen zu hören gab. Roman etwa gab zu bedenken, dass die IVRSA als Fachgruppe nur aufgelöst werden kann, wenn das letzte Mitglied ausgetreten ist. „Ich habe Zweifel, dass alle Mitglieder austreten“, sagte der ITRS-Präsident. Den verbleibenden Mitgliedern gehöre dann das Sondervermögen. „Das können wir nicht einfach herausgeben.“ Sollte das juristisch haltbar sein, würde es bedeuten, dass mit der Sicherung des eigenen Vermögens exakt das Ziel nicht erreicht werde, das unter den Beweggründen für einen möglichen Austritt vom IVRSA-Vorstand am höchsten priorisiert wurde. Roman wies in dem Zusammenhang zudem darauf hin, dass die Namensrechte an der IVRSA beim ITRS liegen. Während der Diskussion – die Berichte aus den einzelnen Fachgruppen wurden aufgrund der brisanten IVRSA-Thematik nicht mehr vorgestellt – gab es auch durchaus selbstkritische
Stimmen. So habe man sich aufgrund der rasanten Entwicklung der IVRSA-Fachgruppe zu Duckmäusern gemacht, was ein Stück weit zu einer Identitätskrise, einem schwachen ITRS und in der Folge zum Wunsch der IVRSA nach Eigenständigkeit geführt habe. Es gelte daher, eigene Ziele zu formulieren und wieder ein eigenes Selbstverständnis zu entwickeln. Mit dem sog. Zwei-Säulen-Programm und zwei starken Fachgruppen sieht man sich hier auf einem guten Weg.

WIE GEHT ES WEITER?

Die IVRSA-Fachgruppensitzung mit den vielen Diskussionsbeiträgen hat gezeigt, dass es unter den Mitgliedern noch keine einhellige Meinung zur Zukunft der Industrievereinigung gibt – auch nicht zur übergeordneten Frage nach Verbleib oder Eigenständigkeit. Stellvertretend dafür steht die Aussage von Jürgen Schulz, Geschäftsführer von Leiner Markisen. Er wisse noch nicht, wie er beim Entscheidertreffen votieren wird. „Ich habe noch keine eindeutige Meinung dazu“, sagte er im Gespräch mit sicht+sonnenschutz. Er glaube aber beispielsweise nicht, dass ein Verbleib im ITRS schädlich sei. Von der diesjährigen Mitgliederversammlung war er begeistert. „Das war die beste Veranstaltung, seitdem ich dabei bin.“ Hachtel selbst hält seine präferierte Option geheim. „Das wäre manipulativ. Meine Aufgabe ist es, die Meinung der Mitglieder zu moderieren und herauszufinden, wohin diese wollen“, sagte er dem sicht+sonnenschutz-Reporter.

Zur Vorbereitung auf das Entscheidertreffen wird der IVRSA-Vorstand nun für seine Mitglieder detailliertere Arbeitspläne für die verschiedenen Optionen ausarbeiten. Der Vorstand und die Geschäftsführung des ITRS wollen ihrerseits versuchen, vor dem Entscheidertreffen mit dem IVRSA-Vorstand an einen Tisch zu kommen, um die Situation möglichst zugunsten des ITRS zu klären. „Wir müssen miteinander sprechen, nicht übereinander“, sagte Rippstein. „Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Matthias Metzger

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