Schadensfall 1-2/23 Tuchtausch mit Hindernissen

Ein Fachbetrieb hatte den Auftrag, an einer Wintergartenmarkise das Tuch zu tauschen. Als es beim Spannen der Zugbänder zu Problemen kam, brach der Monteur die Arbeiten ab – den Schaden hatte der Kunde.

Die Aufdachmarkise mit den Maßen von zirka 415 mal 300 Zentimeter wurde im Jahr 1995 auf einen bereits bestehenden Wintergarten angebracht.
Die Aufdachmarkise mit den Maßen von zirka 415 mal 300 Zentimeter wurde im Jahr 1995 auf einen bereits bestehenden Wintergarten angebracht. - © Driesen

Im Jahr 1995 hatten die Eigentümer eines Hauses ihren Wintergarten mit einer Aufdachmarkise ausstatten lassen. Knapp 25 Jahre später, im Jahr 2019, erteilten sie einem Fachbetrieb den Auftrag, das in die Jahre gekommene Markisentuch zu tauschen. Das Ergebnis war ernüchternd.

Reklamation

Nicht nur wickelte sich das Tuch schief ab und verknitterte. Zu einem späteren Zeitpunkt riss auch noch eines der Zugseile der Markisenanlage. Unschöner Nebeneffekt: Die Markise blieb daraufhin über einen längeren Zeitraum ausgefahren und war permanent der Witterung ausgesetzt. Das verursachte wüste Spuren auf dem neuen Tuch.

Der Auftragnehmer berichtete zwar von gewissen Unwägbarkeiten bei der Montage, wollte jedoch nicht für die Mängel verantwortlich sein – der Fall landete vor Gericht. Ein Sachverständiger sollte klären, ob der Betrieb den Markisenstoff fachgerecht ausgetauscht und neu montiert hatte, ob es durch die Montage zu Beschädigungen an der Markise gekommen war und mit welchen Maßnahmen die Schäden zu beheben sind.

Schadensbild

Beim Vor-Ort-Termin fand der hinzugezogene Sachverständige die Markise in eingefahrenem Zustand vor. Das Ausfahrprofil war schräg eingezogen, das Zugband der rechten Führung war gerissen und seitlich an einer Halterung festgebunden. Die Profile waren stark verschmutzt.

Mithilfe des abgerissenen Seils zog der Sachverständige die Markise aus dem Kasten und begutachtete den Zustand des Tuches. Es waren deutliche Schmutzspuren von Wasseransammlungen erkennbar. Außerdem zeigten sich starke Knickfalten.

Hintergrund

Um nach dem Tuchtausch die Funktion der Markise wiederherzustellen, hatte der Fachbetrieb – wie es auch zwingend erforderlich ist – versucht, die in den beiden Führungen laufenden Zugbänder gleichmäßig zu spannen. Allerdings gelang es dem ausführenden Monteur nur an einer Führungsschiene, die erforderliche Spannung herzustellen. An der zweiten Führung hatte er nach eigenen Angaben trotz mehrmaliger Versuche keinen Erfolg.

Ergebnislos seien auch seine Versuche geblieben, über den Markisenhersteller sowie über einen Fachhandelspartner des Unternehmens die Montageanleitung der Wintergartenmarkise zu erhalten. Ohne Information, wie die notwendige Spannung zu erreichen sei, habe er die Arbeiten dann abgebrochen und den Zustand einer schräg ausfahrenden Markise hinterlassen. Einen Auftrag, neue Zugbänder einzusetzen, hatte er nicht.

Schadensanalyse I: Zugseile

Der Sachverständige kam zum Ergebnis, dass der Betrieb den Markisenstoff nicht fachgerecht getauscht hatte. Hierfür hätte er zwingend beide Zugseile gleichmäßig spannen müssen. Bei einer Markise, die bereits zirka 25 Jahre in Betrieb war, hätte er darüber hinaus beide Zugbänder erneuern und erforderliche Kleinteile wie Rollen austauschen müssen.

Schadensanalyse II: Schmutz und Falten

Hinsichtlich der Schmutzspuren auf dem Tuch hält es der Sachverständige für unwahrscheinlich, dass diese im Zuge der Montage entstanden sind. Durch Wasseransammlungen verursachte Schmutzspuren entstehen dann, wenn – wie im vorliegenden Fall – bei ausgefahrener Markise das Tuch über einen längeren Zeitraum Regen ausgesetzt ist. Fließt das Wasser nicht komplett vom Tuch ab, bildet sich ein sog. Wassersack – nach der Trocknung verbleiben Schmutzspuren auf dem Tuch.

Die festgestellten Knickfalten wiederum entstehen dann, wenn die Markise schräg einfährt, das Tuch somit auf der Welle nicht gleichmäßig einrollt, sich verspannt und überwickelt. Inwieweit diese Faltenbildungen am Tuch unmittelbar im Zuge der Montage oder erst im Nachhinein durch das Aus- und Einfahren der Markise entstanden sind, ist für den Sachverständigen nachträglich nicht feststellbar.

Lösung

Für eine fachgerechte Ausführung der Arbeiten ist laut dem Sachverständigen die Montage einer komplett neuen Aufdachmarkise erforderlich. Der Grund: Für eine fast 25 Jahre alte Markise sind nicht mehr alle Ersatzeile lieferbar, um eine fachgerechte Reparatur auszuführen. Der Tuchtausch allein reicht nicht aus, da auch weitere altersbedingte Verschleißteile gewechselt werden müssen. Als Kosten für eine neue Anlage samt Installation setzt der Sachverständige zirka 4.000 Euro inkl. MwSt. an.

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    Das Zugseil an der rechten Führung ist abgerissen und an einer der Halterungen festgebunden.
    © Driesen
    Das Zugseil an der rechten Führung ist abgerissen und an einer der Halterungen festgebunden.
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    Das Ausfahrprofil der Markisenanlage ist nicht komplett eingezogen und verläuft schräg.
    © Driesen
    Das Ausfahrprofil der Markisenanlage ist nicht komplett eingezogen und verläuft schräg.
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    Auf dem Tuch sind deutliche Schmutzspuren von Wasseransammlungen erkennbar. Ebenfalls sind auf dem Tuch starke Knickfalten vorhanden.
    © Driesen
    Auf dem Tuch sind deutliche Schmutzspuren von Wasseransammlungen erkennbar. Ebenfalls sind auf dem Tuch starke Knickfalten vorhanden.
© Driesen

So sind Sie auf der sicheren Seite

Helmut Driesen ist von der Handwerkskammer Düsseldorf öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für das Rollladen- und Jalousiebauerhandwerk.

Der vorliegende Fall zeigt, dass Fachwissen und Kompetenz nicht allein dadurch gegeben sind, dass sich ein Handwerksunternehmen als Fachbetrieb bezeichnet. Ein qualifizierter Betrieb hätte erkannt, dass der Tuchtausch alleine nicht ausreicht, um die Arbeiten fachgerecht auszuführen – und er hätte sich im Sinne des Kunden um eine Lösung bemüht, anstatt ein unvollendetes Werk zu hinterlassen.