Marc Hochmuth, ö.b.u.v. Sachverständiger für das Rollladen- und Sonnenschutztechniker-Handwerk, schlägt Alarm: Nach seinen Angaben häufen sich Fälle, in denen Markisen, Raffstores oder Rolltore mangelhaft befestigt sind – mit lebensbedrohlichen Folgen. Im Gespräch mit sicht & sonnenschutz schildert er seine Erfahrungen – und sendet einen Weckruf an die Branche.

siso: Herr Hochmuth, Sie haben in einer E-Mail an unsere Redaktion darauf hingewiesen, dass Sie es in Ihrer Tätigkeit als Sachverständiger gehäuft mit Fällen zu tun haben, in denen die Befestigung mangelhaft ausgeführt ist. Warum schrillen da bei Ihnen die Alarmglocken?
Marc Hochmuth: Der Grat zwischen Hängenbleiben und Herunterfallen ist schmal geworden. Ich habe wirklich Angst, dass jetzt häufiger Anlagen auf den Boden krachen – seien es Markisen, Rollgitter oder Rollläden. Noch ist nichts ganz Schlimmes passiert, aber spätestens, wenn das erste Menschenleben zu beklagen ist, sollte jedem der Ernst der Lage klar sein.
Wie schlecht steht es denn um die Qualität der Montage?
Bis vor drei Jahren habe ich vielleicht zehn, zwölf Gutachten im Jahr erstellt. Im vergangenen Jahr waren es knapp 30 – neben Gerichts- auch zahlreiche Privatgutachten. Es werden immer mehr – weil die Qualität der Montage immer schlechter wird. Die ausführenden Betriebe müssen wegkommen von der Einstellung, dass schon alles gut gehen wird. Sie tragen eine hohe Verantwortung und dieser müssen sie gerecht werden. Sonst drohen Ausführungen mit mangelhafter Befestigung überhandzunehmen.
Worauf führen Sie die sinkende Montagequalität zurück?
Vorneweg: Ich habe wenige Fälle auf dem Tisch, in denen qualifizierte Fachbetriebe wegen eines Mangels belangt werden – eine gute Ausbildung zahlt sich eben aus. Meistens treten Fehler auf – und diese Fälle häufen sich –, wenn Subunternehmen beteiligt sind: Unternehmen, mitunter aus dem Ausland, denen die nötige Qualifikation fehlt und deren Mitarbeiter nicht ausreichend geschult sind. Eine Markise an die Wand zu bringen, mag einfach aussehen – ist es aber nicht.
Und bei Innungs- oder Meisterbetrieben sind Montagefehler weniger verbreitet?
Natürlich sind auch solche Betriebe nicht vor Fehlern gefeit. In der Regel sind die Fälle aber weniger dramatisch. Was mir als Entwicklung allerdings Sorgen bereitet: Ich bin bei uns in der Handwerkskammer Vorsitzender des Gesellenprüfungsausschusses. Im August schüttle ich den Auszubildenden die Hand zur bestandenen Prüfung – und im Februar sind sie bereits Meister. Ohne Welpenschutz zu haben, stehen sie dann voll in der Verantwortung, planen Montagen und wählen das Befestigungsmaterial aus. Das kann in meinen Augen nicht gut gehen.
Weil ihnen die Erfahrung fehlt?
Ja. Nach der Lehre sollten sie erst ein paar Jahre als Geselle arbeiten und vielleicht auch mal in andere Betriebe hineinschnuppern. Dann können sie den Meister machen – mit Erfahrung. Das hat für mich auch mit Verantwortungsbewusstsein zu tun.
Betreffen die Fälle, in denen die Befestigung mangelhaft ausgeführt ist, bestimmte Bauelemente oder ist das ein generelles Problem?
Das zieht sich durch alle Produktgruppen – von Markisen über Raffstores bis hin zu Rolltoren. Und es wird immer extremer. Da werden beispielsweise Führungsschienen mit winzigen, dünnen Schrauben befestigt. Wie soll das bitte halten?

Sie haben uns in Ihrer Mail einen besonders drastischen Fall geschildert – eine Rolltoranlage, die einem Menschen auf den Kopf gefallen ist.
Dieser Fall steht für mich sinnbildlich nicht nur für eine mangelhafte Befestigung, sondern auch für die Gleichgültigkeit hinsichtlich ihrer Verantwortung, die sich bei immer mehr Betrieben beobachten lässt. Die betroffene Person ist inzwischen wieder wohlauf. Sie hatte mehrere Wirbel gebrochen und eine Gesichtshälfte war schwer deformiert. Als ich vor Ort ankam, sah man noch Blutanhaftungen am Tor. Das war heftig. Viel hätte nicht gefehlt und die Person hätte den Unfall mit dem Leben bezahlt.
Wie genau meinen Sie das mit der Gleichgültigkeit?
Sollte jemand durch meine Schuld sein Leben verlieren, würde mich das nachts nicht mehr schlafen lassen. Bei manchen Betrieben scheint mir der Respekt vor der Verantwortung, die sie tragen, allerdings verloren gegangen. Sie sagen sich: Das wird schon halten, bisher ist ja auch nichts passiert. Oder schlimmer: Ihnen ist es egal, sollte eine Anlage herunterfallen. Anders lassen sich manche Montageausführungen nicht erklären.
Wie häufig kommt es vor, dass tatsächlich eine Anlage herunterfällt?
Manchmal habe ich Glück und ich komme rechtzeitig, um eine mangelhaft befestigte Anlage stillzulegen. Manchmal komme ich, da liegt die Anlage schon auf dem Boden. Was an dem oben genannten Fall besonders ist: Zum einen ist es zu einem Personenschaden gekommen. Zum anderen ist ein Tor betroffen. In den mehr als 20 Jahren, in denen ich als Sachverständiger tätig bin, war zuvor noch nie ein Tor heruntergefallen. Wenn das jetzt passiert, was ist dann nächstes Jahr oder übernächstes Jahr? Kann ich noch unbesorgt in eine Tiefgarage fahren oder muss ich mir Sorgen machen, dass die Anlage nicht fachgerecht und gemäß den Vorgaben montiert ist?
Welche Fehler sehen Sie in der Praxis, wenn es um die Befestigung geht?
Bei der Befestigung stellen sich vor allem zwei Fragen: Wie ist der Untergrund beschaffen und welcher Dübel eignet sich dafür? In der Praxis stelle ich jedoch häufig fest, dass einfach der Dübel genommen wird, der gerade greifbar ist – ohne zu prüfen, welche Tragfähigkeit er besitzt und ob er für den jeweiligen Untergrund geeignet ist. Bei Auszugsversuchen stellt sich dann heraus, dass die Befestigung unzureichend ist. Mitunter werden auch nicht zugelassene Schrauben verwendet und verzinkte Schrauben in Holz gedreht.
Wie sollte man als ausführender Betrieb vorgehen, damit die Befestigung gelingt?
Man muss im Vorfeld klären, wie der Untergrund beschaffen ist. Je nach Alter des Hauses hole ich mir Informationen vom Bauträger oder vom Maurer, die mir sagen können, welcher Stein verwendet wurde. Manchmal liegen auch Fotos aus der Bauphase vor. Auf dieser Basis lässt sich der richtige Dübel wählen – im Zweifel kann man den Dübelhersteller um Rat fragen. Mancher Anbieter stellt auch eine eigene Bemessungssoftware zur Verfügung.
Ist die Befestigung anspruchsvoller geworden im Vergleich zu früher?
Man muss sich auf jeden Fall mehr Gedanken machen. Das liegt zum einen daran, dass die meisten Dübelsysteme heutzutage nur für einen bestimmten Untergrund ausgelegt sind und nicht als Universallösung herhalten können. Zum anderen weisen manche moderne Wandkonstruktionen keine ausreichende Tragfähigkeit auf, um beispielsweise eine Markise direkt daran zu befestigen. In solchen Fällen kann eine Hilfskonstruktion erforderlich sein, die der Wand vorgelagert und im Fundament verankert ist.
Was muss geschehen, damit Betriebe der Befestigung wieder mehr Aufmerksamkeit schenken?
In Schulungen werden ja häufig Gründe genannt, warum ein Dübel nicht hält. Vielleicht muss man einen Schritt weitergehen und anhand plakativer Beispiele zeigen, was passiert, wenn die Befestigung versagt, wenn eine Anlage herunterfällt und es zu einem Personenschaden kommt. Das Ziel muss es sein, die Betriebe wachzurütteln, ja sogar zu schocken – damit sie sich ihrer Verantwortung bewusst werden und die Montage mit der gebotenen Sorgfalt ausführen. Wobei ich jetzt schon weiß, dass sich mit Schulungen zwar Fachbetriebe erreichen lassen, aber eher nicht die Subunternehmen.
Welche Botschaft möchten Sie den ausführenden Betrieben abschließend mit auf den Weg geben?
Kommt es aufgrund einer mangelhaften Befestigung zu einem Personenschaden, kann das erhebliche Haftungsfolgen nach sich ziehen und am Ende ans eigene Portemonnaie gehen. Tut euch deshalb selbst einen Gefallen: Besinnt euch auf die Grundlagen und stellt die fachgerechte Planung und Ausführung in den Mittelpunkt eures Handelns. Wir müssen zurück zu mehr Qualität, Sorgfalt und Verantwortung.