Mit dem Smart Solar Shading Advisor hat die European Solar Shading Organisation (ES-SO) ein Schulungsprogramm ins Leben gerufen. Im Interview spricht Generalsekretärin Ann Van Eycken über die Idee hinter der Qualifizierung – und wie sie die Kundenberatung auf ein neues Niveau hebt.

siso: Frau Van Eycken, was waren die Hauptgründe für die Entwicklung des Schulungsprogramms zum Smart Solar Shading Advisor?
Ann Van Eycken: Wir haben die ES-SO Academy 2018 mit einem Beraterkurs ins Leben gerufen. Die Vorarbeiten hatten allerdings schon früher begonnen, angestoßen durch das Interesse einiger Mitgliedsverbände – zunächst jedoch ohne die Absicht, das Ganze zu formalisieren.
Die Nachfrage nach Sonnenschutz wuchs stetig. Es gibt zahlreiche Sonnenschutzlösungen – innen wie außen –, jede mit eigenen Vorzügen, die von Land zu Land variieren. Diese ließen sich jedoch nicht immer leicht verständlich vermitteln. In vielen europäischen Ländern gab es keine eigene Ausbildung für Sonnenschutzfachleute, und die Vorteile wurden auf unterschiedliche Weise erklärt – was es für Kunden schwer machte, sie nachzuvollziehen.
Die ES-SO sah daher die Notwendigkeit, mit einer Stimme zu sprechen und Schulungen zur Wissenschaft hinter dem Sonnenschutz anzubieten. Wir haben die Marke Smart Solar Shading für Unternehmen geschaffen, deren Fachleute die Beraterausbildung absolviert haben. Beraterinnen und Berater, die den Kurs abschließen und einen Abschlusstest bestehen, erhalten ein Zertifikat. Die ES-SO führt zudem ein Academy Register, in dem die Absolventinnen und Absolventen mit ihrer Zertifikatsnummer aufgeführt sind – gültig für fünf Jahre. Ziel ist es, dass Fachleute, die die ES-SO-Schulung durchlaufen haben, Verbraucher und Auftraggeber kompetent und sicher zur jeweils passenden Sonnenschutzlösung beraten können – abgestimmt auf deren Bedürfnisse, die Ausrichtung des Gebäudes und die Nutzung der Räume.
Wie ist das Programm aufgebaut und welche Inhalte und Kompetenzen werden vermittelt?
Van Eycken: Wir haben die Schulungsprogramme schrittweise erweitert und auf alle Mitarbeitenden in Sonnenschutzunternehmen zugeschnitten. Entstanden ist eine Pyramidenstruktur: An der Basis steht die Einführungsveranstaltung von maximal zwei Stunden, die Grundwissen vermittelt und Lust auf den weiterführenden Beraterkurs machen soll. Der Smart Solar Shading Advisor-Kurs dauert einen Tag und schließt mit einer Prüfung ab – die Teilnehmenden dürfen dabei ihre Unterlagen nutzen, um zehn Multiple-Choice-Fragen zu beantworten. Anschließend können sie den Titel Smart Solar Shading Advisor in ihrer Kundenkommunikation verwenden. Die Schulung behandelt die Sonneneinstrahlung und deren Auswirkungen auf ein Gebäude je nach Klimazone und Ausrichtung, die Vorteile von Sonnenschutz mit Schwerpunkt auf thermischem und visuellem Komfort, die Materialien wie Textilien, Lamellen oder Raffstorelamellen sowie die Energieeffizienz durch Sonnenschutz, Automation und weitere Themen.
"Wir befinden uns im Wandel – weg vom Sonnenschutz als reinem Produkt, hin zum Sonnenschutz als unverzichtbare Lösung in nachhaltigen Gebäuden."
Ann Van Eycken, ES-SO
Darüber hinaus gibt es eine dritte Ausbildungsstufe – den Smart Solar Shading Expert –, die mindestens zwei volle Tage umfasst und modular aufgebaut ist. Diese Schulung richtet sich an technisch versierte Fachleute, die in Projekten beratend tätig sind und mit Architekten zusammenarbeiten. Sie geht tiefer in die einzelnen Themen und beleuchtet auch angrenzende Technologien wie Verglasung, Dämmung, Lüftung sowie Anlagen für Heizung, Lüftung und Klimatisierung, um ein umfassenderes Verständnis zu schaffen. Außerdem wird stärker auf den Einsatz von Simulationswerkzeugen eingegangen. Der Kurs steht Absolventen des Advisor-Kurses offen.
An welche Zielgruppen richtet sich die Schulung?
Van Eycken: Die ES-SO Academy richtet sich in erster Linie an Fachleute der Sonnenschutzbranche. Für Monteure kann zunächst die Einführungsveranstaltung ausreichend sein. Händler und Distributoren, die in direktem Kontakt mit Endverbrauchern stehen, besuchen den Advisor-Kurs. Bei Herstellern interessieren sich manche Mitarbeitende für den Advisor-Kurs, während technisch orientierte Fachkräfte eher den Expert-Kurs anstreben. Zertifizierte Smart Solar Shading Advisor können zudem ihre Kolleginnen und Kollegen im eigenen Unternehmen im Rahmen einer Einführungsveranstaltung schulen.
Die ES-SO verfolgt das Ziel, dass alle Beschäftigten in Sonnenschutzunternehmen eine ihrem Aufgabenbereich angemessene Ausbildung erhalten. Der Expert-Kurs ist noch relativ neu und wird weiter ausgebaut. Außerdem wurde ein neues Pilotprojekt gestartet, das Kurse auch für Architekten und Planer anbietet – allerdings ohne Zertifikat.
"Die ES-SO plant, das Schulungsangebot weiter auszubauen und entwickelt zudem Seminare für andere Fachleute aus der Baubranche wie Architekten und Planer."
Ann Van Eycken, ES-SO
Wie wurde das Programm in Europa aufgenommen und wie viele Teilnehmende haben die Zertifizierung zum Smart Solar Shading Advisor erfolgreich abgeschlossen?
Van Eycken: Seit 2018 haben wir europaweit 2.076 Smart Solar Shading Advisor (Stand: Juli 2026) ausgebildet. Zu Beginn waren die Niederlande, Frankreich, Belgien und Großbritannien die Vorreiter der ES-SO Academy. Inzwischen ziehen Spanien, Griechenland, Deutschland und Österreich nach, während Tschechien und Polen schrittweise folgen. Auch Italien und die Schweiz haben Interesse bekundet und werden in Kürze starten.
Welche Rolle spielen die nationalen Branchenverbände bei der Durchführung der Schulungen in ihren jeweiligen Ländern?
Van Eycken: Die nationalen Verbände stellen den Trainer, der von ES-SO anerkannt wird. Sie können auch den Veranstaltungsort und die Organisation übernehmen – alternativ kann die Schulung auch direkt in einem Unternehmen stattfinden, wo der Trainer die Vorträge hält. Das Schulungspaket wird vom ES-SO Professional Development Committee unter dem Vorsitz von Maria Moya zusammengestellt und überprüft. Das Komitee bringt Fachleute zusammen, die die Inhalte beisteuern. Wenn auf nationaler Ebene Studien durchgeführt werden, präsentieren die Verbände die Ergebnisse ebenfalls dem Komitee – beispielsweise Nachweise über die durch Sonnenschutz erzielten Energieeinsparungen, die im Betrieb anfallenden Null-CO₂-Emissionen sowie die Vorteile für Gesundheit und Wohlbefinden.
Die ES-SO gibt auch selbst Studien in Auftrag, etwa die Guidehouse-Studie, die Sonnenschutz mit Klimaanlagen vergleicht und deren Ergebnisse in die Kurse einfließen. Ebenso werden Best-Practice-Fallstudien mit Sonnenschutzlösungen einbezogen. Erfreulich ist, dass auch in der Wissenschaft das Interesse am Sonnenschutz wächst – ihre Erkenntnisse integrieren wir ebenfalls in unsere Schulungen. Auf diese Weise hat die ES-SO Academy eine umfangreiche Inhaltsbibliothek aufgebaut.
Welche Erfahrungen machen Unternehmen mit der Zertifizierung im Arbeitsalltag?
Van Eycken: Fachleute, die den Titel Smart Solar Shading Advisor oder Expert erwerben, tragen ihn mit Stolz in ihrer Kommunikation. Sie fühlen sich zudem in ihrer Beraterrolle deutlich sicherer, wenn sie mit Kunden oder Verbrauchern arbeiten, die nach der richtigen Lösung für ein Überhitzungsproblem suchen. Angesichts der fortschreitenden Erderwärmung wächst das Bewusstsein, dass Sonnenschutz oberste Priorität haben sollte – zumal wissenschaftliche Experten empfehlen, Sonnenschutz vorzugsweise außen am Fenster anzubringen, um die Hitze gar nicht erst hereinzulassen.
Welche Pläne hat die ES-SO für die Weiterentwicklung des Programms?
Van Eycken: Die ES-SO wird das Schulungsangebot weiter ausbauen und arbeitet zudem an der Entwicklung von Seminaren für andere Fachleute aus der Baubranche wie Architekten, Planer, Gebäudemanager und Gebäudeautomationsspezialisten. Auch aus weiteren Mitgliedsländern verzeichnen wir wachsendes Interesse. Die Geschäftsführer von Sonnenschutzunternehmen erkennen zunehmend, wie wichtig es ist, ihre Fachkräfte zu qualifizieren – denn Sonnenschutz wird immer mehr zur Notwendigkeit.
"Je besser Fachleute die Vorteile von Sonnenschutz erklären können, desto mehr erkennt die Gesellschaft, dass Sonnenschutz ein integraler Bestandteil des Gebäudes ist."
Ann Van Eycken, ES-SO
Welche Bedeutung hat die Schulung insgesamt für die Weiterentwicklung der Sonnenschutzbranche?
Van Eycken: Die Schulungen laufen in einer wachsenden Zahl europäischer Länder. Europa ist bereits ein führender Akteur auf dem Sonnenschutzmarkt, doch wir befinden uns im Wandel – weg vom Sonnenschutz als reinem Produkt, hin zum Sonnenschutz als unverzichtbare Lösung in nachhaltigen Gebäuden, die dem Klimawandel standhalten. Unsere Branche hat verstanden, dass Sonnenschutz kein Nice-to-have mehr ist, sondern auf derselben Ebene wie Dämmung und Lüftung in Gebäude rangiert. Dafür muss man auch die Wissenschaft dahinter verstehen – was mit unseren Gebäuden in einem sich erwärmenden Klima geschieht. Als qualifizierte Fachkraft wird man Teil des gesamten Planungsteams und berät den Architekten bereits in der Plaungsphase bei der Wahl der Sonnenschutzlösung und deren Integration ins Gebäude.
Fachleute werden sich in ihrer Beraterrolle sicherer fühlen, und bei Kunden steigt das Vertrauen in die gewählte Lösung, weil sie eine fundierte Beratung erhalten. Für Unternehmen mit höher qualifizierten Mitarbeitenden ist dies zugleich ein Antrieb, die Leistungsfähigkeit ihrer Lösungen weiterzuentwickeln.
Abschließend lässt sich sagen: Je besser Fachleute in der Lage sind, die Vorteile und die Leistungsfähigkeit von Sonnenschutz zu erklären, desto mehr wird die Gesellschaft erkennen, dass Sonnenschutz ein integraler Bestandteil des Gebäudes ist – und nicht bloß ein Zusatz.
