Blitzinterview 9/2018 Variabler Sonnenschutz sorgt für komfortable Innenräume

Ing. Johann Gerstmann ist Sprecher des Bundesverbands Sonnenschutztechnik (BVST) in Österreich.

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sicht+sonnenschutz: Herr Ing. Gerstmann, Sicht und Licht als Kernfunktionen des Fensters, so haben Sie das jüngst publiziert, sind durch das Streben nach immer niedrigeren U-Werten aus dem Fokus geraten. Wie lässt sich dem entgegenwirken?

Gerstmann: Meine Kritik ist umfassender. Es geht um Nettoglasflächen und sinkende Lichttransmissionsgrade, durch Sonnenschutzglas oder Überbauungen. Würde man nicht nur U- und g-Werte minimieren, sondern ganzheitlich planen, optimiert das Glas-Kennwerte und Fenstergrößen! Fix installierter Sonnenschutz reduziert an 4.380 Stunden im Jahr den Lichteintrag permanent. Variabler Sonnenschutz folgt dem Sonnengang, damit lässt sich das natürliche Licht vom Himmel bestmöglich und kostenlos nutzen; dazu kommen Sonnen-, Blend- und Sichtschutz! Die Dynamik und die Intensität von natürlichem Licht sind gesund und steigern die Leistungsfähigkeit. Deshalb freut es mich, dass die neue Schulbaurichtlinie des ÖISS (Österreichischen Instituts für Schul- und Sportstättenbau; d. Red.) in der Planungsphase dem Tageslicht eine höhere Bedeutung einräumt.

sicht+sonnenschutz: Sie weisen auch darauf hin, dass im Energieausweis g- und U-Wert für transparente Bauteile genannt sind, aber keine Kennwerte für die Qualität der
Sichtverbindung und Belichtung. Haben wir – auch in Deutschland – die Gebäude in den vergangenen Jahren kaputtsaniert, um Heizenergie zu sparen und CO2-Emissionen
zu senken?

Gerstmann: Der Energieausweis bewertet die Energie; je geringer der Bedarf bzw. Verbrauch, umso besser. Aber ein Sonnenschutzglas selektiert für den reduzierten Energieeintrag das Lichtspektrum. Das ist ein Eingriff in die biologische Wirkung von Licht. Was wir bräuchten, ist eine medizinische Qualitätssicherung, die auf Nebenwirkungen von manipuliertem Tageslicht hinweist. Bei der Heizwärme wurde sehr viel erreicht, deshalb wurde nicht kaputtsaniert. Aber dichte Gebäude überwärmen schneller, daher ist guter Sonnenschutz wichtiger denn je. Sonst sind Klimaanlagen nötig, die die Einsparungen bei der Heizwärme konterkarieren. Was wir im Energieausweis für transparente Bauteile benötigen, ist eine Energiebilanz – inklusive der Ressource Tageslicht.

sicht+sonnenschutz: Was sagt der Sonnenschutztechniker seinem dämmbegeisterten Kunden, der im Begriff ist, das Thema Tageslichtversorgung zu vernachlässigen?

Gerstmann: Energieeffiziente Gebäude ohne Sonnenschutz funktionieren nicht. Variabler Sonnenschutz sorgt für komfortable Innenräume und ist extrem nachhaltig, das ist unser USP! Reinhold Kober