Aus unserem Archiv Lang: "Gute Tageslichtplanung verhindert Überhitzung und Blendung."

Welche Bedeutung hat Tageslicht für die Raumplanung? sicht & sonnenschutz sprach mit den zwei Experten Ulrich Lang und Markus Schwab von Warema Renkhoff und klärte dabei unterschiedliche Fragen in puncto Tageslichtplanung.

Seit Juni 2021 arbeiten Ulrich Lang (re.) und Markus Schwab (li.) gemeinsam an dem Projekt Wellumic, bei dem es um die intelligente Verknüpfung von Tageslicht und Kunstlicht geht. - © Warema

sicht & sonnenschutz: Herr Lang, Sie arbeiten seit mehr als 34 Jahren bei Warema und beschäftigen sich schon lange mit dem Thema Tageslichtplanung. Warum ist das Thema so wichtig?

Lang: Vor der Erfindung des Kunstlichtes war es für die Architekten sehr wichtig, sich Gedanken zur Ausnutzung des Tageslichts zu machen. Gebäude wurden entsprechend ausgerichtet und abgeschrägte Laibungen sorgten für mehr Tageslichteinfall. Als künstliches Licht verfügbar war, wurde das Tageslicht zunächst zur Nebensache. Inzwischen weiß man jedoch, wie wichtig Tageslicht für Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen ist. Deshalb spielt eine gute Tageslichtplanung heute eine entscheidende Rolle. Transparente, lichtdurchflutete Gebäude liegen im Trend und stehen für eine gesundheitsfördernde Architektur.

Eine gute Tageslichtplanung bedeutet allerdings auch, dass die negativen Folgen von zu viel Tageslicht – wie etwa Überhitzung der Räume oder Blendung der Nutzer – zu verhindern ist. Eine intelligente Planung von Tageslischt sieht vor, dass der Lichtbedarf der Nutzer eines Gebäudes so lange wie möglich mit Tageslicht gedeckt wird. Kunstlicht sollte der Nutzer erst dann, wenn zu wenig Tageslicht zur Verfügung steht, zugeschaltet werden. So verbinden sich gesundheitsfördernde Aspekte mit einem reduzierten Energieverbrauch.

sicht & sonnenschutz: Herr Schwab, welchen Beitrag leistet gutes Tageslicht für unser Wohlbefinden?

Schwab: Der Mensch ist evolutionär bedingt an das natürliche Tageslicht angepasst. So wird beispielsweise die innere Uhr des Menschen durch das Tageslicht gesteuert. Erst vor zirka 20 Jahren wurde im menschlichen Auge eine dritte Art von Lichtrezeptoren identifiziert, die für die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin verantwortlich ist. Tagsüber trägt das Tageslicht dazu bei, dass das Hormon Serotonin produziert wird und wir uns motiviert und lebendig fühlen. Abends, wenn das natürliche Tageslicht abnimmt, wird das tagsüber angesammelte Serotonin in Melatonin umgewandelt. Wir werden müde und können gut schlafen. Mit den ersten Sonnenstrahlen am Morgen sinkt die Melatoninausschüttung, der Körper wacht auf und wir starten idealerweise fit und konzentriert in den Tag.

Wie gefährlich eine Störung dieses Rhythmus durch fehlendes Tageslicht ist, zeigt sich vor allem in den Wintermonaten. Bis zu 20 Prozent der Bevölkerung leiden in dieser Zeit an einer saisonal abhängigen Depression (SAD), die sich durch Symptome wie Energielosigkeit, ein erhöhtes Schlafbedürfnis oder Heißhungerattacken auf Süßes auszeichnet. Besonders in dieser Zeit – ebenso wie während des gesamten Jahres – ist es wichtig, dass wir ausreichend Tageslicht abbekommen.

sicht & sonnenschutz: Auf was ist beim Zusammenspiel von Glas und Sonnenschutz zu achten?

Lang: Viele Architekten kombinieren ein Sonnenschutzglas mit einem außen liegenden Sonnenschutz, weil sie glauben, damit ein besonders leistungsfähiges Sonnenschutzsystem zu haben. Allerdings bringt diese Kombination beim Gesamtenergiedurchlassgrad wenig Verbesserung. An bewölkten oder dunkleren Tagen im Herbst und Winter lässt ein Sonnenschutzglas kaum noch Tageslicht einfallen. Gerade dann ist jeder Lichtstrahl wichtig und trägt entscheidend zum Wohlbefinden bei.

Viel sinnvoller ist aus diesem Grund die Kombination eines Wärmeschutzglases mit hoher Lichttransmission und ein guter, verstellbarer außen liegender Sonnenschutz – beispielsweise eine Außenjalousie. Im Sommer verhindert dieser bei geschlossenen Lamellen eine Überhitzung und in der dunklen Jahreszeit lässt sich der Lichteintrag in das Gebäude durch waagrecht stehende, hochreflektierende Lamellen erhöhen.

sicht & sonnenschutz: Dunkler oder heller Sonnenschutz: Was sind die Tücken und was ist zu beachten?

Lang: Bei außen liegendem Sonnenschutz gilt: Je weniger Sonnenstrahlung durchgelassen wird, desto besser ist die Sonnenschutzwirkung. Das spricht eigentlich für dunkle Lamellen. Der Sonnenschutz hat jedoch nicht nur die Aufgabe, vor Überhitzung zu schützen: Er muss das Sonnenlicht managen und an dunkleren Tagen viel Tageslicht in die Gebäude lenken. Eine effektive Lichtumlenkung funktioniert mit einer hellen, reflektierenden Lamelle um ein Vielfaches besser. Bei der Auswahl der Lamellenfarben sollte der Kunde deshalb eher auf helle reflektierende Farben zurückgreifen.

sicht & sonnenschutz: Ist viel Lichteinfall gleichbedeutend mit guter Tageslichtplanung?

Schwab: Für die biologische Wirksamkeit des Lichts benötigen wir möglichst viel Tageslicht, dürfen dabei jedoch nicht die visuelle und die thermische Behaglichkeit der Menschen außer Acht lassen. Eine direkte Sonneneinstrahlung kann zur Blendung oder zu schlechten Bildschirmkontrasten führen. Zusätzlich kommt es vor allem im Sommer zu unerwünschten solaren Energieeinträgen. Diese heizen Innenräume auf und wirken der thermischen Behaglichkeit entgegen.

Eine gute Tageslichtplanung berücksichtigt solche Einflüsse und reduziert in diesen Extremfällen den Eintrag des Tageslichts. Eine einfache Möglichkeit, immer den idealen Tageslichteintrag zu erreichen, gewährleistet das Lichtsteuerungssystem Wellumic, ein Kooperationsprojekt von Warema und Trilux. Durch eine intelligente Regelung, basierend auf Sensormesswerten, wird zu jeder Zeit ein Maximum an natürlichem Tageslicht in den Raum geleitet und bei Bedarf mit tageslichtähnlichem Kunstlicht ergänzt. So herrschen immer optimale Lichtverhältnisse.

Das Print-Interview lesen Sie in der Januar-Ausgabe 2022 der sicht+sonnenschutz .