In der Türkei lassen viele noch Chancen liegen Der Stoff, aus dem die Wachstumsträume sind

Zwischen 2012 und 2022 soll sich das Volumen der türkischen Bauwirtschaft Prognosen zufolge verdreifachen. Die Klimadaten sind prädestiniert wie kaum in einem anderen Markt, um hochwertigen, funktionell und ästhetisch überzeugenden Sonnenschutz zu verkaufen – eine Steilvorlage für wachstumsorientierte Player aus Deutschland, möchte man meinen.

Die Messe R+T Turkey fand im Herbst 2015 zum zweiten Mal statt. - © Kober

Dazu kommt, dass den Unternehmen mit der Landesmesse Stuttgart, am Bosporus vertreten durch die 100-prozentige Tochter Ares Fuarcilik um Projektmanager Erdinc Salci, ein deutscher Partner buchstäblich den roten Teppich ausrollt. Zwar verweist Sebastian Schmid, seit Jahren Macher der Weltleitmesse für Rollläden und Sonnenschutz in Stuttgart sowie Abteilungsleiter Technologie bei LMS, auf den erst dieses Jahr über die Bühne gegangenen Main Event in der baden-württembergischen Hauptstadt sowie die R+T China 2015 in Shanghai als Gründe für die nicht mehr so ausgeprägte Investitionsneigung potenzieller deutscher Aussteller (lesen Sie das Interview mit ihm auf Seite 20). Doch mal Hand aufs Herz: Die zwei, drei Scheine für eine, vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte, Präsenz auf der Fläche des German Pavilion fallen in den Umsatz -
regionen nicht ins Gewicht. Junkers & Müllers macht ausschließlich mit der Produktion technischer Textilien in Deutschland mehr als 50 Millionen Euro. Eine größer angelegte Messeteilnahme lohnt in der Türkei zwar dieses Jahr nicht. Dafür sind Dr. Christian Junkers und Christine Mählmann vom Marketing, die „seit vielen Jahren Kunden im Markt haben und diese über lokale Partner beliefern“, vor Ort und zeigen buchstäblich Flagge im Bereich der deutschen Ländervertretung.

Nun gibt es womöglich Gründe, einen anderen Weg zu gehen. Dem Vernehmen nach sind Befindlichkeiten nicht zu unterschätzen, nach denen es einheimische
Händlerpartner nicht gerne sehen, wenn ausländische Lieferanten anders als auf ihrem Stand auf sich aufmerksam machen. Tatsächlich sorgt es auch beim auf der R+T Turkey neuen sicht+sonnenschutz-Reporter anfänglich für Stirnrunzeln, als er veritable Global Player der Branche nur mit vergleichsweise bescheidenem Logo auf der Ausstellungsfläche eines der besagten Retailer entdeckt – ganz nach dem Credo „One face to the customer“.

Glen Raven aus den USA mit seinen Marken Sunbrella und Dickson bevorzugt die Konzernlösung. Zwar sucht auch der Franzose Philippe Herrault als regional verantwortlicher Verkaufsleiter den engen Schulterschluss mit dem exklusiven Distributionspartner ICA für die Türkei. Aber hier ist die Lieferantenunterstützung mit Händen zu greifen, sowohl bei der Weltpremiere eines Markisenstoffs aus Acryl (Sunbrella) als auch bei der Inszenierung der von der R+T im Februar bekannten Gewebe für Pergola (Area+ von Dickson-Constant). Dabei, sagt Herrault, habe das konzerneigene Koordinatensystem mit der eleganten Marke Sunbrella und den eher technologisch getriebenen Entwicklungen bei Dickson Bestand – ungeachtet existierender Überschneidungen etwa bei Markisentüchern. So ist ein weiteres Thema am Stand die Imprägnierung Permaclean von Dickson auf der Basis von Nanomolekülen für das Multifunktionstuch Orchestra Max, das sich mit dem resultierenden Selbstreinigungseffekt vor allem für anspruchsvolle Objektanwendungen eignen soll.

Deutsche Wert-Arbeit?

Verkaufsleiter Manuel Lopez Bolanos vertritt in Istanbul die gleichnamige Firmengruppe, zu der Aussteller Expalum gehört. Die Spanier sehen die türkische 14-Millionen-Metropole als Brücke zwischen den Kontinenten und nutzten die Auftaktmesse vor zwei Jahren für die ersten Schritte in diesem dynamischen Marktumfeld; die Alu-
Spezialisten produzieren auf 15 Linien Stäbe sowie auf acht weiteren die Kästen für die Behänge. Der Ansprechpartner beklagt vor Fachredakteuren aus mehreren Ländern Nachteile bei den Fertigungskosten im Verhältnis zu Anbietern aus Osteuropa – wie sich die Statements doch gleichen. Mehrere Vertriebswege beschreitet der türkische
Anbieter Oba von innen liegenden Verschattungslösungen – und hat je nach Kostenstruktur und Nachfrage die verschiedenen Sortimente für Handelspartner und B2C via E-Commerce angepasst; auch hier fällt in Anbetracht der eigenen Extrusion die Vertikalität des Portfolios auf, mit entsprechenden Konsequenzen für die Wertschöpfung.
Der stellvertretende Geschäftsführer Merter Picakci berichtet fröhlich – und ein wenig stolz – von angeblich 80.000 Wohnimmobilien, die derzeit im Land jeden Monat ihren Besitzer wechseln; auch wenn sich die Wachstumsraten zuletzt auf hohem Niveau stabilisiert hätten. Von sechs Prozent plus hatte eingangs Gastgeber Erdinc Salci von
der LMS-Tochter Ares Fuarcilik für die Bauwirtschaft gesprochen.

Im Fall von Mehler Texnologies, ebenfalls mit technischen Geweben auf der Welt unterwegs und zur R+T Turkey auf dem German Pavilion präsent, hat diese Dynamik auch Spuren im eigenen Zahlenwerk gezeitigt. Der lokal Verantwortliche Ozan Fil beziffert den weltweiten Verkauf von Erzeugnissen, die in Verschattungsanlagen gehen, mit 1,4 Mil-
lionen Quadratmeter. Was Markisenstoffe angeht, entfalle ein Anteil von um die 50 Prozent schon heute auf den Absatz in der Türkei. Natürlich leuchtet ein, dass es umso schwieriger ist, zu auskömmlichen Preisen in Deutschland produzierte Ware am Bosporus anzubieten – abgesehen von lukrativen Einzelprojekten – je weniger Mehrnutzen
und Alleinstellungsmerkmale sich begründen lassen.

Luxus verpflichtet

Doch scheint auch noch nicht bei allen Vertriebsprofis angekommen, dass es gerade in der Boomregion Istanbul sehr wohl in nicht geringer Zahl Vertreter einer Elite gibt, die sich gerne mit Hochpreisigem umgibt, solange das Prestige stimmt. Gerade hier könnte das Siegel Made in Germany, sonst bei jeder Gelegenheit ausgestellt, ein Pfund
sein, mit dem sich wuchern lässt. Abgesehen davon hätte sich die Messe auch empfohlen, um einen Eindruck von neuen Konzepten für den Freiraum ums Haus als Erweiterung der überdachten Nutzfläche zu gewinnen; tatsächlich sind es vielfach spektakuläre Konstruktionen, die den Garten zu dem aufwerten, was der türkische Markt -
leader Palmiye als Four Seasons Outdoor Living bezeichnet.

Die Doppeldeutigkeit mit Blick auf die Highclass-Hotelkette dürfte wohl kalkuliert sein. So wird Ilya Özyürek, der als Eigentümer die Geschäfte mit seinem Bruder Timoteos führt, nicht müde, Parallelen zwischen seinen Premium-Pergolasystemen wie Skyroof (zugelassen für Schneelasten bis 390 Kilogramm, kein Scherz) und Symbolen für Stärke und Prosperität zu beschwören: Palmiye hat die Aufgabe, so sieht es der Chef, dem Kunden Lebensqualität zu bringen und ihm Freiräume zu schaffen, um als Ausgleich zum täglichen Mühen dessen Früchte zu genießen. Dabei hat der Unternehmer, der 50 Prozent seiner Umsätze im Heimatmarkt macht, seinerseits Deutschland als Exportchance im Blick – und will nicht kleckern: Um das Ziel von 20 bis 25 Millionen Euro Umsatz zwischen Flensburg und Garmisch bis 2022 zu erreichen, ist für die R+T 2018 eine Ausstel -
lungsfläche von 1.000 Quadratmeter avisiert. Fazit: Wer die richtigen Produkte hat, für den bietet die derzeit dynamischste europäische Bauwirtschaft ein spannendes Feld mit kaufkräftiger Klientel und jeder Menge Impulse für die eigene Weiterentwicklung; für wen dies nicht zutrifft, der dürfte die Probleme über kurz oder lang auch vor der eigenen Haustüre bekommen. Reinhold Kober