Viel zu lange galten niedrige U-Werte im Bemühen um einen CO2-neutralen Gebäudebestand als allein selig machend. In den Kontext gehören indes ebenso solare Einträge, intelligent gesteuerte Verschattungen und Top-Sonnenschutzgläser mit neuester Beschichtungstechnologie.

Im Sommer kühlen, im Winter heizen – das ist die kostentreibende Formel in der Energiebilanz eines Gebäudes. Gelingt es im Gegensatz dazu, die Sonneneinstrahlung während der Sommermonate besser abzublocken und im Winter besser einzufangen und damit effektiver zu nutzen, so erschließt sich in Glasfassaden mithilfe moderner Gläser ein erhebliches Sparpotenzial. Häufig sind dafür heutzutage, gerade wenn es um Großprojekte geht, Low E-Gläser das Mittel der Wahl, um die Energieverluste über Fenster und Fassaden zu minimieren. Low E steht für Low Emissivity-Glas, was so viel bedeutet wie niedrige Wärmeabstrahlung. Der Begriff bezeichnet ein Isolierglas, auf das
eine hauchdünne Metallschicht von etwa 100 Nanometer aufgebracht wird. Das Ziel ist es, mit dieser Wärme- und Sonnenschutzschicht den Emissionsgrad der Verglasung zu reduzieren. Der Aufbau der Beschichtung sowie ihre technischen und optischen Eigenschaften können je nach Art der Beschichtung unterschiedlich sein.
Albert Schweitzer, Vertriebsleiter Architektur bei Arcon Flachglas-Veredelung, sagt dazu: „In der Absicht, sehr gute Wärmedämmungen zu realisieren, wird der Schwerpunkt bei Wärmedämmschichten häufig (nur) auf den Ug-Wert gelegt.“ Für die ganzheitliche Betrachtung müsse der Wärmezugewinn aber ebenso herangezogen werden: „Energieeffizient ist ein geringer Ug-Wert, wenn dabei der Gesamtenergiedurchlassgrad (g-Wert) so hoch wie möglich ist.“ Ein hoher solarer Zugewinn spare Heizkosten. Nach Ansicht des Experten bewege man sich mit den bestehenden Low E-Schichten an der Grenze des physikalisch Machbaren.
Dynamisch tönbares Glas reduziert Heizkosten
Schweitzer: „Mit dem Einsatz einer Low E-Beschichtung im Zweifach-Standardaufbau 4-16-4 Millimeter lässt sich kaum ein besserer Ug-Wert als 1,0 W/m²K erzielen.“ Die Anstrengungen hinsichtlich Energieeffizienz zielten daher aktuell darauf ab, die Lichttransmission respektive den Gesamtenergiedurchlass zu erhöhen. Doch Schweitzer
stellt fest: „Die Potenziale sind eher moderat.“ Zur Energie- und Kosteneinsparung trägt laut Vetrotech Saint-Gobain International ebenfalls SageGlass als dynamisch tönbares Glas (elektrochromes Glas, EC-Glas) bei. Per Knopfdruck bzw. Touchscreen verändert sich in diesem Fall der Sonnenschutzfaktor von Fenstern sowie Vorhangfassaden.
Kombiniert mit einem Lichtsensor erfolgt die Steuerung vollautomatisch und passt sich geräuschlos an die jeweilige Tageslichtsituation an. „Bei unserem SageGlass von Saint-Gobain bewegt sich der g-Wert des Isolier-Zweifachglases zwischen 0,05 und 0,38“, sagt Thomas Meissner. Nach Aussage des für Deutschland zuständigen
SageGlass-Spezialisten bedeutet das, dass lichtdurchflutete Räume keinen Hitzestau verursachen und eine zusätzliche Beschattung überflüssig ist. „Im Winter dagegen lässt EC-Glas Sonnenwärme passieren und hilft dadurch dabei, die Heizkosten zu reduzieren.“ Mit einem durchschnittlichen Energieaufwand von weniger als drei Watt pro
Quadratmeter lasse sich die Lichttransmission „nur bei SageGlass“ auf weniger als ein Prozent absenken – der Raum lasse sich bei Bedarf also erheblich abdunkeln. Auf der anderen Seite der Skala bietet EC-Glas nach Herstellerangaben zirka 60 Prozent Lichtdurchlässigkeit für taghelle Räume. Meissner sagt: „Zwischen diesen beiden Eckwerten kann sich die Tönung der Scheiben flexibel auf die Sonneneinwirkung einstellen.“ Doch hat die Glas- und Fensterbranche im Allgemeinen erkannt, welches Potenzial dieses Thema birgt?
Ein Kernthema – auch für die Branchenverbände
Jochen Grönegräs, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Flachglas, versichert unserer Zeitschrift auf Nachfrage: „Die Bedeutung solarer Gewinne herauszustellen, ist für unseren Verband ein Kernthema.“ Eine gedämmte, feste Wand habe nun einmal immer noch einen niedrigeren U-Wert auch im Vergleich zum besten Dreifach-Wärmedämm- glas. „Aber nur durch Glas scheint die Sonne herein, so dass kostenlose Energiegewinne die Heizkosten senken.“ Die Kehrseite sei eine mögliche Überhitzung im Sommer – hier könnten Sonnenschutzgläser die Last deutlich reduzieren. Grönegräs räumt ein: „Diese Zusammenhänge könnten sicher durch alle Branchenakteure noch mehr kommuniziert werden – so wie übrigens auch die Vorteile des natürlichen Tageslichts, das ebenfalls nur durch Glas ins Gebäude kommt.“ Sein Geschäftsführerkollege vom Verband Fenster + Fassade (VFF), Ulrich Tschorn, erklärt, dass seine Organisation Bauherren, Planer, Architekten und auch die Politik „schon lange“ auf den vielfältigen Nut -
zen von Fenstern hinweist. Fenster leisteten weit mehr als Wärmeschutz. „Sie bieten – auch im Hinblick auf Energieeffizienz – Tageslicht und solare Gewinne. Sonnenschutz, wenn möglich automatisch gesteuert, verbessert die Nutzung dieser Qualitäten.“
Sicht- und Sonnenschutz bilden nach Aussage Tschorns zusammen mit Einbruchschutz, Lüftung und Schallschutz ein Gesamtpaket. Dieses müsse individuell an den Bedarf angepasst werden – möglichst mithilfe vernetzter Steuerungen. „Gute Verkäufer haben mit diesen Argumenten die große Chance, sich von Billiganbietern und standardisierten Produkten abzuheben.“ In all diesen Themen berate, schule und unterstütze der Verband Fenster + Fassade seine Mitglieder. Dass auch die Fachbetriebe des Rollladen- und Sonnenschutztechniker-Handwerks das Thema „Energiesparen mit Sonnenschutz“ intensiv aufgegriffen haben und ihre Kunden erfolgreich auf diesem Gebiet beraten, sagt Christoph Silber-Bonz im Gespräch mit sicht+sonnenschutz. „Selbstverständlich erhalten Innungsmitglieder hierzu zahlreiche Unterstützungsleistungen durch den BVRS. So
haben wir bereits mehrere sehr gut besuchte Seminare zu diesem Thema veranstaltet, um die Betriebsinhaber fachlich fit für die Energieberatung rund um Rollläden und Sonnenschutz zu machen.“ Außerdem verweist Silber-Bonz auf die Broschüre „Energiesparen mit Rollläden, Markisen, Jalousien und Co.“, die die Fachbetriebe bei Kunden- gesprächen einsetzen können. Auch die Presseabteilung des BVRS greife das Thema in ihrer Arbeit regelmäßig auf. „Wir erzielen damit gute Abdruckquoten sowohl in der Tagespresse als auch in ,Special-Interest-Magazinen’ für Bauherren und Modernisierer.“ Ganz neu sei das vom ift Rosenheim im Auftrag des ITRS entwickelte Energy Label,
das dokumentiere, wie stark Sonnenschutzprodukte den Energiespareffekt von Fenstern erhöhen.
30 Prozent Energie einsparen
Dass mithilfe von Tageslichttechnik zirka 30 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs durchschnittlicher Großraumbüros eingespart werden können, darauf verweist auch Peter Gubisch, Geschäftsführer der Schlotterer Sonnenschutz Systeme. Gerade der Schutz vor Überhitzung sei wesentlich für das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit in Räumen: „Als Richtwert gilt, dass die Raumtemperatur an Arbeitsplätzen auch im Sommer 27 Gad nicht überschreiten sollte.“ Bereits bei einem Grad mehr lasse die menschliche Leistungsfähigkeit um 30 Prozent nach. „Bei 33 Grad beträgt sie lediglich noch 50 Prozent“, sagt Gubisch. Licht und Temperatur zählten demnach zu den wichtigsten Einflussfaktoren auf das Wohlbefinden und die Produktivität am Arbeitsplatz. Blendung, aber auch fehlende Durchsicht nach draußen und ein Mangel an
Tageslicht wirken sich ebenfalls negativ aus. Das Unternehmen bietet mit dem Tageslicht-Raffstore Retrolux aus der eigenen Entwicklung deshalb eigenen Angaben zufolge ein intelligentes, außen liegendes Sonnenschutzsystem, das Hitzeschutz, Blendschutz, Tageslichtnutzung und Durchsicht vereint und damit zusätzlich zu einem besseren
Raumklima auch für geringeren Energieverbrauch sorge. Das Geheimnis des Tageslichtraffstores liegt laut Schlotterer zum einen in den beiden Teilstücken seiner Lamelle und ihrer speziellen Kantung: Das außen liegende Teilstück reflektiert die direkten Sonnenstrahlen zurück in den Himmel und lässt damit die Hitze gar nicht erst bis an die Fensterscheibe heran. Das nach innen orientierte Segment hingegen lenkt das diffuse Tageslicht blendfrei über die Decke tief in den Raum. So lassen sich nach Herstellerangaben mit dem Retrolux-Raffstore wertvolle Energie und Geld für Kühlung und künstliche Beleuchtung sparen. Der zweite wesentliche Aspekt sei die kontinuierliche Änderung der Lamellenneigung über die Behanghöhe: Im oberen Behangteil liegen die Lamellen flacher, so dass aus der Raumtiefe eine horizontale
Durchsicht gewährleistet ist. Nach unten hin liegen die Lamellen schrittweise steiler, so dass sich in Fensternähe gute Durchsicht nach unten ergibt.
Mit den Gestaltungsmöglichkeiten individueller Tageslicht-Dosierung in Kombination mit der Sicherheit eines Rollladens wirbt das Unternehmen Hella in Form seines Tageslichtrollladens LUZ. „Dieser Rollladen ist nicht einfach offen oder zu. Er beherrscht mithilfe von versenkbaren Zwischenprofilen aus Plexiglas die Zwischentöne, lässt nach Wunsch auch Licht in den Raum, macht die Außenwelt spürbar und bleibt dennoch geschlossen“, teilt der Hersteller mit. Fachbetriebe unterstützt Hella eigenen Angaben
zufolge bei der Beratung und im Verkauf mit Mustern und Unterlagen sowie bei der Montage. Kerstin Pätzold