Der Fachkongress Advanced Building Skins in Bern beleuchtet die Bedeutung der Gebäudehülle für die Energieeffizienz des Gebäudes. Michaela Reim vom ZAE Bayern geht in ihrem Vortrag auf das Energiesparpotenzial von Tageslicht- und Verschattungssystemen ein.

Das Economic Forum München veranstaltet vom 3. bis zum 4. November 2015 die zehnte Auflage des internationalen Fachkongresses Advanced Building Skins (vormals Energy Forum). Die Schwerpunkte des erstmals in Bern stattfindenden Events sind neue Materialien und erneuerbare Energien sowie deren Integration in die Gebäudehülle.
Laut Andreas Karweger, Geschäftsführer des Economic Forum, nimmt die Gebäudehülle für die Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden eine Schlüsselposition ein. Der Kongress beleuchte die Thematik mit dem Ziel, wissenschaftliches Know-how durch einen Austausch zwischen Wissenschaftlern, Architekten, Ingenieuren, Energie-
beratern und der Bauindustrie in die Praxis umzusetzen. Das Hauptziel sei es, den Energieverbrauch von Gebäuden zu senken.
Solartechnologien in der Gebäudehülle
Wie Karweger prognostiziert, werden Neubauten in Zukunft vorwiegend Null- und Plusenergiegebäude sein, bei denen Solartechnologien in die Gebäudehülle integriert sind. Gebäude werden so zu einem wesentlichen Baustein einer dezentralen Energieversorgung, die nicht nur Energie aus dem öffentlichen Stromnetz empfangen, sondern bei Bedarf auch einspeisen. „Damit wir dieses Ziel erreichen, müssen wir heute die Weichen für den Hausbau der Zukunft stellen und die notwendigen Grundlagen schaffen, ganz nach dem Motto ,Building the future now’“, erläutert Karweger. Mehrere Sessions des Kongresses behandeln die Integration von Solartechnologien oder Photovoltaik in die Gebäudehülle.
Kontroverse Diskussionen darüber, wie viel Dämmung wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll sei, rücken laut Karweger aktuell das Thema Dämmprodukte in den Fokus. Der Kongress widmet diesem Thema besondere Aufmerksamkeit und präsentiert den neuesten Stand der technischen Entwicklung. Mehrere Sessions zeigen, wie Aerogel,
Phasenwechselmaterialien oder Biomaterialien die Energieeffizienz der Gebäudehülle steigern.
Tageslicht und Verschattung richtig steuern
Die Themen Tageslicht und Verschattung behandelt der Kongress ebenfalls in mehreren Sessions. Michaela Reim vom Bayerischen Zentrum für Angewandte Energieforschung (ZAE Bayern) spricht in ihrem Vortrag beispielsweise über „Regelstrategien und Nutzerakzeptanz innovativer Tageslicht- und Verschattungssysteme“. Als Beispiel dient ihr das Energy Efficiency Center (EEC), das neue Forschungs- und Experimentiergebäude des ZAE Bayern in Würzburg, mit seinem Tageslicht- und
Verschattungskonzept. „Das Ziel dieses Konzepts ist es, den Energieverbrauch durch künstliche Beleuchtung zu minimieren, indem der Tageslichteintrag in die Räume maximiert wird“, sagt Reim. Gleichzeitig sollen sich Heiz- und Kühllasten reduzieren, indem der Energieeintrag durch Sonneneinstrahlung vergrößert bzw. verringert wird. Das Dach des EEC-Hauptgebäudes besteht aus lichtdurchlässigen PTFE-Glasmembranen sowie aus transparenten ETFE-Folien. Diese Membrandachkonstruktion schaffe eine Zwischenklimazone, die die Wärmeverluste für die darunter befindlichen Büroräume reduziere. Die Decke der Büroräume wiederum ist in Teilen ebenfalls hoch wärmedämmend und transparent bzw. lichtdurchlässig ausgeführt. Während die Decke der Gänge aus Dreifach-Isolierglas besteht, kommen in den Büros – und zwar in
den Bereichen, die weiter von der Fassade entfernt sind – Deckenelemente zum Einsatz, die aus dem lichtdurchlässigen Dämmstoff Lumira-Aerogel bestehen. Das Dach des Veranstaltungsraums im Nebengebäude wiederum besteht aus lichtdurchlässigen, mit Luft gefüllten Membrankissen aus PVC.
Weniger Nutzereingriffe
Für den nötigen Sonnenschutz sorgen an der Südfassade außen liegende Lamellen. Im Osten und Westen sind die Lamellen aus architektonischen Gründen in das Dreifach-Isolierglas integriert. Im Norden gibt es keine Sonnenschutzanlage, hier weist die Verglasung einen niedrigeren g-Wert auf. Zusätzlich sind alle Räume an der innen liegenden Seite mit einem Rollo ausgestattet. Die Beleuchtung der Räume wird automatisch über Sensoren gesteuert, die die Anwesenheit und die Helligkeit kontrollieren. Über den innen und außen liegenden Sonnenschutz lässt sich je nach Bedarf der Energieeintrag durch die Sonneneinstrahlung regulieren.
Die Beleuchtung und die außen liegende Verschattung werden automatisch gesteuert, der Nutzer hat aber die Möglichkeit, manuell einzugreifen. Anhand dieser Nutzereingriffe wurde die Regelsteuerung für das EEC entsprechend überarbeitet. Eine Analyse von Reim brachte das folgende Ergebnis: „In beinahe jedem Raum hat sich die Anzahl der Eingriffe durch die Nutzer reduziert, nachdem die Regelstrategie für die Sonnenschutzanlage optimiert worden war.“ Auch in den Räumen, in denen die Nutzer oft eingegriffen hätten, sei dies zurückgegangen.
Der Vortrag von Reim zeigt also, dass eine optimal auf die Nutzer abgestimmte Steuerung dazu beiträgt, Energiekosten zu sparen und die Arbeitsatmosphäre bzw. den Komfort am Arbeitsplatz zu verbessern.
220 Referenten aus 45 Nationen
Insgesamt referieren auf dem Fachkongress in 40 Sessions mehr als 220 Referenten aus 45 Nationen. Die Vorträge halten die Referenten auf Englisch oder Deutsch, teilweise stehen Simultanübersetzungen zur Verfügung. Das detaillierte Konferenzprogramm und Informationen zum Rahmenprogramm sowie zur Registrierung erhalten
Interessierte unter www.energyforum. com. Matthias Metzger