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Raumausstattung im Wandel „Wir sind halt Luxus“

Vielerorts schließen Raumausstatter-Betriebe, Fachkräfte fehlen, Auszubildende haben kein Interesse am Handwerk. Die Raumausstatter-Branche ist im Wandel, wie die Einschätzungen aus Verband und Betrieben zeigen.

Räume gestalten, Gebäude ausstatten, Geschäftsräumen Flair verleihen – der Beruf des Raumausstatters hat genau das zu bieten, was einen Job auf Dauer spannend und vielseitig macht. Kreativität und Ideen sind hier gefragt, genauso wie handwerkliches Geschick und konzeptionelles Denken. Hinzu kommt das Arbeiten mit immer neuen Materialien für Möbelstücke, Wände und Fußböden, tolle Stoffe und Dekore. Ein Beruf mit Zukunft und Perspektiven also? Das sehen Raumausstattungsprofis zum Teil recht unterschiedlich.
„Ich würde schätzen, dass wir für nur 25 Prozent der Kunden noch als Ansprechpartner oder Handwerker infrage kommen“, sagt Andreas Rosenthal, Raumausstattermeister in Lennestadt. „Der Rest geht zu Ikea, Hammer und Co.“ Viele Kunden lassen sich ihre Objekte andernorts – also nicht von Raumausstattern – nähen oder polstern, wie Rosenthal und seine Kollegen in den Gesprächen und Beratungen heraushören. Sie dürften „nur“ noch das Material liefern. „Bei uns im Kreis Olpe in Nordrhein-Westfalen sind in den vergangenen Jahren sechs Raumausstatterbetriebe geschlossen worden. Vor Kurzem hat ein weiterer Betrieb zugemacht, dessen früherer Besitzer jetzt im Außendienst eines Farbenhandels arbeitet“, berichtet Rosenthal.

DURCH QUALITÄT UND LEISTUNG ÜBERZEUGEN

Einen beständigen Wandel in ihrer Berufssparte nimmt auch Raumausstattermeisterin Carola Grote-Sticka aus Salzgitter wahr: Früher seien Meter ohne Ende verkauft worden, heute ist alles schicker: „Als Raumausstatter müssen wir eine hohe Qualität anbieten und den Kunden mit unserer Arbeit begeistern, dann ist er auch bereit, dafür zu zahlen.“ Wer auf 08/15 setze, sei im Heimtextilmarkt besser aufgehoben, sagt sie. Nur so könne man sich auf dem Markt positionieren und sichere die Existenz des Betriebs dauerhaft. Ihr Fazit: „Wir sind halt Luxus.“

Zum Team gehören neben Grote-Sticka eine weitere Meisterin, ein Raumausstatter im Verkauf, ein Maler sowie eine Auszubildende im ersten Lehrjahr. Zirka 90 Prozent der Kunden sind Privatkunden, der Rest verteilt sich auf Einrichtungen wie Kitas, Kirchen, Schulen oder Schwimmbäder. Zuletzt hat sie z.B. im örtlichen Thermalbad den Ruheraum gestaltet. Ihr Betrieb ist vorwiegend im Bereich Zweitrenovierung tätig. „Wenn die Kunden gerade neu gebaut haben, ist meist kein Geld mehr für den Raumausstatter übrig“, sagt sie. Ein Plissee sei vielleicht gerade noch drin, dann sei aber das Geld alle. Wenn jedoch nach fünf bis zehn Jahren die erste Renovierung anstehe, kämen die Kunden zu ihr. Diese seien meist zwischen 40 und 65 Jahren alt. „Wenn die Kunden sich im Job etabliert haben und keine Lust haben, bei der Renovierung selbst Hand anzulegen, kommen sie zum Raumausstatter.“

QUALITÄT WIRD GERN BEZAHLT

Der Wunsch nach Qualität deckt sich mit den Erfahrungen von ZVR-Präsident und Raumausstattermeister Harald Gerjets: „Heute wissen Kunden meistens ziemlich genau, was sie wollen. Das ist zumindest meine Erfahrung.“ Viele Kunden seien nicht in Kategorien zu stecken, sie besitzen Gerjets zufolge häufig jedoch eine Gemeinsamkeit: Sie legen Wert auf Qualität und bezahlen diese auch. „Natürlich bestellen manche z.B. ihren innen liegenden Sonnenschutz im Internet. Viele kommen aber lieber zum Profi, weil der noch Alternativen aufzeigen kann sowie das Aufmaß und den Einbau beherrscht“, weiß der Profi. Diese Menschen wollen auch keinen Ramsch in ihrer Wohnung, sondern hochwertige und langlebige Produkte. Wichtig sei den Kunden oft auch eine gewisse Termintreue.

HÖHERER STELLENWERT DURCH MEISTERPFLICHT

Diese Zukunftsthemen zeigen Gerjets, dass der Beruf des Raumausstatters auch weiterhin relevant bleibt. Mit der Rückkehr der Meisterpflicht für Gewerke wie den Raumausstatter und Rollladen- und Sonnenschutztechniker ab 2020 werde dies auch bestätigt. „Dadurch bekommt unser Gewerk wieder einen höheren Stellenwert“, sagt Gerjets.
Anders schätzt Andreas Rosenthal die Situation ein: Nur mit der Gardine sei nichts mehr zu machen. Und auch die Polsterei werde immer weniger, da es sich nicht lohne, Billigmöbel zu polstern. Hier setzt Rosenthal mit seinem Team schon seit Jahren auf Nischen wie die Oldtimerpolsterei bzw. -sattlerei. „Ich denke, in zehn Jahren wird der Beruf aussterben. Wir haben schon sehr stark auf Sonnenschutz gesetzt, dieser Bereich macht schon die Hälfte unseres Umsatzes aus“, resümiert er.
Carola Grote-Sticka wünscht sich, dass sich wieder mehr junge Menschen fürs Handwerk begeistern, engagiert sich im Netzwerk der Jungmeister, also junger Raumausstatter-Gesellen und -Meister, und bietet Schulpraktika. Fachkräfte und Nachwuchs sind auch für sie ein großes Problem, sie hat bisher Glück gehabt. Die Auszubildende ist bereits 40 Jahre alt und schon fertige Erzieherin. Sie wollte unbedingt bei ihr lernen und bringt große Leidenschaft mit. Grote-Sticka zahlt übertariflich, denn: „Die Angestellten sollen ja davon leben können.“ Kirsten Friedrichs, Regine Krüger, Andrea Mateja

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