Sonnenschutztechnik -

Interview mit ES-SO-Vizepräsident Wilhelm Hachtel "Langfristig wird die Wahrheit gewinnen"

Wilhelm Hachtel ist Vizepräsident des europäischen Dachverbands European Solar-Shading Organization (ES-SO). Im Exklusivinterview mit sicht+sonnenschutz spricht er über die Lobbyarbeit in Brüssel, das große Einsparpotenzial, das durch den Einsatz von Sonnenschutz möglich ist, und Hemmschuhe für die Umsetzung der EPBD in nationales Recht.

sicht+sonnenschutz: Herr Hachtel, wie sehen Sie Europa beim Energie sparen mit Sonnenschutz aufgestellt?

Hachtel: In Brüssel sind sehr viele große, starke und reiche Organisationen vertreten, die ihre Interessen in der Gesetzgebung durchsetzen wollen: die Heizungsindustrie, die Klimatisierungsindustrie, die Stromindustrie, aber auch die Glasindustrie. Unser Einfluss ist dagegen – das muss man nüchtern betrachten – vergleichsweise klein. Aber wir sind der festen Überzeugung, dass langfristig die Wahrheit gewinnt. Und die lautet: Temporärer, steuerbarer Sonnenschutz ist für die Klimatisierung eines Hauses unersetzlich. Das ist physikalisch belegbar.

sicht+sonnenschutz: Sie beziehen sich auf die Ergebnisse der sog. Schlitzberger-Studie, die die Einsparpotenziale durch automatisierten Sonnenschutz aufzeigt?

Hachtel: Die Schlitzberger-Studie ist ein deutsches Projekt der Fachgruppe Industrievereinigung Rollladen–Sonnenschutz–Automation (IVRSA). Die Zielsetzung war es, konkret zu errechnen, welche Potenziale durch dynamische, gesteuerte Sonnenschutztechnik zu erreichen sind. Für Europa im Ganzen haben die Daten aber keine Aussagekraft.

sicht+sonnenschutz: Warum?

Hachtel: Die Wirkungsweise von Sonnenschutz ist in Spanien anders als in Schweden. Man muss jeweils mit ganz anderen Klimadaten rechnen. So sind im Süden die Klimatisierungskosten deutlich höher, während in den nördlichen Regionen die Heizkosten in die Höhe schießen. Arbeitet man an einer europäischen Regelung zum energiesparenden Einsatz von Sonnenschutzsystemen, muss dies berücksichtigt werden. Die Formulierung muss so offen sein, dass sie nirgendwo anders auf Widerspruch stößt.

sicht+sonnenschutz: In Studien von ES-SO stößt man immer wieder auf eine Zahl von 22 Prozent Energieeinsparung, die durch den Einsatz von Sonnenschutz realisierbar sein soll. Ist diese Zahl haltbar?

Hachtel: In südlichen Ländern sind Energie- und CO2-Einsparungen in Höhe von 22 Prozent tatsächlich nachweisbar. Denn wird dort beim Bauen der Sonnenschutz vernachlässigt, sind die Klimatisierungskosten relativ hoch. Auch in Deutschland wächst der Energieverbrauch für Klimatisierungsmaßnahmen in außergewöhnlichem Maß. Dem könnten wir ganz einfach entgegenwirken: Durch außen liegenden Sonnenschutz lassen sich etwa 80 Prozent der Strom kosten für die Klimatisierung von Räumen einsparen. In vielen Fällen können wir die Raumtemperatur sogar so weit senken, dass sich mit guter Belüftung in der Nacht (Nachtauskühlung) komplett auf Klimatisierung verzichten lässt. Und dann sind wir auf dem richtigen Weg – von der Energieeffizienz hin zur Energieeffektivität: Energie, die wir nicht verbrauchen, muss erst gar nicht hergestellt werden.

sicht+sonnenschutz: Viele Bauherren sind sich wahrscheinlich gar nicht bewusst, dass Sonnenschutz eine vergleichsweise wirtschaftliche Art ist, Energie zu sparen. Die Amortisierung macht sich schnell bemerkbar.

Hachtel: Genau. Wir müssen immer zwei Dinge berechnen: Wie hoch ist der Primärenergieaufwand? Und wie hoch ist die Einsparung, die sich mit dem Produkt erreichen lässt? Diese Relation ergibt die Energieeffizienz. Während z.B. bei Wärmepumpen oder Klimaanlagen das Verhältnis heute bei 1 : 3 liegt, kann der Faktor bei einer optimal umgesetzten Sonnenschutzlösung auf bis zu 1 : 100 steigen.

sicht+sonnenschutz: Das ist beste Werbung für den Sonnenschutz. Liegt hierin auch die Hoffnung begründet, den Umsatz der europäischen Sonnenschutzindustrie auf Dauer zu verzehnfachen?

Hachtel: Das Ziel, den Umsatz zu verzehnfachen, hat ES-SO herausgegeben. Ich persönliche halte das für sehr ambitioniert. Wenn wir jährlich ein Wachstum von fünf Prozent hinbekommen, ist das für unsere Industrie schon hervorragend. Unser Hauptanliegen muss es zunächst einmal sein, uns ins Blickfeld der öffentlichen Wahrnehmung zu bringen. Architekten, Facility-Manager und Bauherren müssen sich der Be deutung des Themas Sonnenschutz endlich bewusst werden. Dann wird es beim Umsatz automatisch in die richtige Richtung gehen.

sicht+sonnenschutz: Welche Möglichkeiten gibt es, Endkunden und Planern den Mehrwert von Sonnenschutzlösungen bewusst zu machen?

Hachtel: Es ist ein Weg der vielen kleinen Schritte. Wir stehen in einem Wettbewerb um die Wahrnehmung des Konsumenten, des Architekten, des Bauherrn. Wie alle kommunikationsorientierten Menschen müssen wir uns in diesem Wettbewerb beweisen. Aber wenn ich Vorträge halte, sei es an Schulen, in Meisterklassen oder auf Architekturforen, merke ich, dass Neugierde und Interesse für das Thema da sind. Oft herrscht Erstaunen, dass darüber nicht schon in der Vergangenheit profunder diskutiert worden ist.

sicht+sonnenschutz: 2018 ist die europäische Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden (EPBD) in Kraft getreten. Wie ist hier Sonnenschutz als Energiesystem verankert?

Hachtel: Wie erwähnt, gibt es in Brüssel sehr viele unterschiedliche Interessenlagen. Nach Rücksprache mit den Glas- und Fensterherstellern hat ES-SO es aber geschafft, den Sonnenschutz in den sog. Amendments zur EPBD in erheblichem Umfang unterzubringen. Jetzt geht es darum, dass die von der EU vorgeschlagenen Direktiven in Landes recht umgesetzt werden. Wie weit wir da in Deutschland kommen, darüber bin ich angesichts aktueller Diskussionen z.B. zur Mietpreisbremse etwas in Sorge. Wir haben einen klassischen Zielkonflikt: Wir wollen einerseits günstig wohnen, andererseits aber auch ökologisch. Durch die Mietpreisbremse werden wir jedoch einen massiven Druck auf die notwendigen Investitionen für ökologisches Bauen bekommen. Dabei sind wir gezwungen, ökologisch zu bauen: CO2-Emissionen werden in einem erheblichen Teil von Gebäuden verursacht.

sicht+sonnenschutz: Der Staat spart also am falschen Ende?

Hachtel: Auch der Staat kann die Physik nicht überwinden. Ein Rechenbeispiel: Wenn in Deutschland pro Jahr 180.000 kleine, mobile Klimageräte über Baumärkte verkauft werden und diese 500 Stunden in Betrieb sind, bedeutet dies einen Zuwachs von 180 Megawattstunden an Strom, der erzeugt werden muss, um die Geräte zu betreiben. Rechnen Sie das mal auf zehn Jahre hoch! Mit genau dem gleichen energeti­schen Aufwand könnten wir auch Sonnenschutzanlagen betreiben, die thermisch die gleiche Wirkung haben, aber dabei keinen Strom verbrauchen. Und Sonnenschutzanlagen haben im Winter noch den Vorteil, dass sie die Wärmeverluste von Fensterscheiben deutlich reduzieren können.

sicht+sonnenschutz: Um vom Mehrwert von Sonnenschutzlösungen zu profitieren, muss der Endverbraucher diese aber auch zum richtigen Zeitpunkt einsetzen.

Hachtel: Automation ist wichtig, um den richtigen Zeitpunkt zur Nutzung zu treffen – insbesondere auch dann, wenn man nicht zu Hause ist. Wie in anderen Bereichen schon üblich, z.B. bei der Heizungssteuerung, ist Automation auch beim Sonnenschutz sinnvoll. Der nächste große Schritt muss sein, dass wir die aktuellen Klimadaten aus dem Internet holen und die Heizungssteuerung und den Sonnenschutz interaktiv miteinander kommunizieren lassen. Wenn die Bewohner an einem trüben Tag nicht zu Hause sind, fährt dann etwa der Rollladen herunter, um die Wärme im Raum zu sichern. Die Heizungsleistung kann um diesen Betrag reduziert werden.

sicht+sonnenschutz: Alles in allem – steht der Sonnenschutz vor einem goldenen Zeitalter?

Hachtel: Nachdem James Watt die Wirkungsweise der Dampfmaschine wesentlich optimiert hat, haben wir begonnen, die menschliche Muskelkraft durch verschiedene Formen von Karbon-Verbrennung zu ersetzen. Damit haben wir einen riesigen Wohlstand geschaffen. Als Folge dieser Entwicklung haben wir heute allerdings so viel CO2 in der Atmosphäre, dass sich die Atmosphäre verändert. Natürlich sind wir 50 Jahre zu spät dran. Aber wenn wir es klug anstellen, ist die Transformation in eine karbonfreie Zeit noch zu schaffen – auch wenn dies mit hohen Investitionen verbunden sein wird. Wir müssen es systematisch angehen und unsere Investitionsströme langsam umlenken. Und zwar auf sonnennutzende Energien. Wenn wir in karbonersetzende Industrien investieren anstatt in karbonaufzehrende, dann sehe ich eine neue Form von Wohlstand auf uns zukommen.

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