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Warema-Vorstand Freund (57) im sicht+sonnenschutz-Interview Harald, das machen wir

Was für eine Zahl: Mehr als 40 Jahre ist der gebürtige Würzburger Harald Freund bei „der Warema“ beschäftigt. sicht+sonnenschutz-Chefredakteur Reinhold Kober hat mit dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden mit der Verantwortung Vertrieb, Entwicklung, QM über die prägende Zusammenarbeit mit Hans-Wilhelm Renkhoff gesprochen und herauszufinden versucht, wie er konsequentes Handeln und soziale Verantwortung zusammenbringt.

sicht+sonnenschutz: Herr Freund, mehr als 40 Jahre in einem Unternehmen – das ist eine unvorstellbar lange Zeit, oder?
Freund: Nicht, wenn man sich ansieht, was seither gelaufen ist. Ich war bis 1987 im Vertrieb tätig, wechselte dann in den Reparaturservice und habe die Pulverbeschichtung bei Warema eingeführt, danach folgte die Technik.

sicht+sonnenschutz: Als Nächstes wurden Sie Geschäftsführer am ostdeutschen Standort in Limbach-Oberfrohna.
Freund: Das war im Jahr 2000. Unsere Vorstandsvorsitzende Angelique Renkhoff-Mücke war dort mit der Entwicklung nicht mehr zufrieden und schickte mich nach Sachsen.

sicht+sonnenschutz: Jetzt ist sie zufrieden?
Freund: Wir haben am Standort kontinuierlich investiert und sind dort heute mit einem neuen Geschäftsführer gut aufgestellt, ja. 2006 habe ich die Verantwortung für Logistik und Einkauf übernommen. 2008 kamen Entwicklung und Qualitätsmanagement hinzu, jetzt folgte der Vertrieb. Seit 2009 gehöre ich dem Vorstand an.

sicht+sonnenschutz: Ihre Anfänge im Unternehmen haben Sie ausgespart.
Freund: Daran erinnere ich mich genau. Als ich meine Lehrstelle als Industriekaufmann angetreten habe, betrug das erste Gehalt 192 Mark. Später, nach meiner Übernahme ins Angestelltenverhältnis, verdiente ich 962 Mark. Übrigens hat mich das Unternehmen 1974 als Einzigen meines damaligen Ausbildungslehrgangs, nach verkürzter Lehrzeit, übernommen.

sicht+sonnenschutz: Sie haben nicht studiert?
Freund: Richtig, ich habe kein Studium abgeschlossen. Natürlich habe ich mehrere Management-Kurse und -Fortbildungen absolviert, überhaupt hat mich das Thema Weiterqualifizierung praktisch von Anfang an begleitet. So wollte ich den Umgang mit jeder neuen Maschine, die wir angeschafft haben, kennenlernen.

sicht+sonnenschutz: Als Sie die Ausbildung begannen, war da Warema Ihre favorisierte Adresse?
Freund (lacht): Ich wollte eigentlich einen Rückzieher machen. Nachdem ich bei Warema unterschrieben hatte, hätte ich gerne ein ganz anderes Angebot angenommen, das ich erst später bekommen hatte. Aber meine Mutter hat gesagt: „Kommt nicht infrage, du hast unterschrieben und jetzt trittst du da an.“ Das war’s, dann haben wir bei Warema angefangen.

sicht+sonnenschutz: Hatten Sie noch mit Hans-Wilhelm Renkhoff zu tun?
Freund: Aber ja, natürlich, ich habe sehr lange recht eng mit ihm zusammengearbeitet. Er war ja noch bis 1998 Vorstandsvorsitzender, und wir haben quasi gemeinsam – und gegen viele Widerstände – die Pulverbeschichtung bei Warema eingeführt.

sicht+sonnenschutz: Wie war der so? War das einfach, mit ihm zusammenzuarbeiten?
Freund: Mir ist das nicht schwergefallen, weil wir schnell eine Vertraulichkeit hatten und unter vier Augen miteinander geredet haben. Er hat sich auch Argumente angehört, wenn die vernünftig waren. Als wir die Pulverbeschichtung eingeführt haben, hat das 20 Millionen Mark gekostet. Eigentlich waren meine ganzen Vorgesetzten dagegen.

sicht+sonnenschutz: Wie haben Sie Ihren alten Chef überzeugt?
Freund: Es ging um Glaubwürdigkeit. Er hatte alle rausgeschickt, wollte alleine mit mir sprechen. Er sagte: „Du glaubst also daran, ja. Wenn das nichts wird, bist du weg.“ Ich antwortete: „Kein Problem.“ Und er: „Harald, das machen wir.“

sicht+sonnenschutz: Hart, aber fair.
Freund: So war er, ja. Übrigens habe ich während des gesamten Projekts, das anderthalb Jahre dauerte und das ich on top zu meinem bisherigen Job betreute, das gleiche Gehalt bezogen. Für mich war das in Ordnung. Doch als es abgeschlossen war und klar wurde, dass es funktionieren würde, hat er mir eine Prämie bezahlt.

sicht+sonnenschutz: Ihr Aufstieg, der ja ein Marsch durch die Abteilungen war, ist außergewöhnlich. Gehorchte diese Entwicklung in Ihrer Laufbahn einem Masterplan?
Freund: Bestimmt nicht, nein. Ich habe vor 20 Jahren keinen Gedanken daran verschwendet das zu machen, was ich heute tue. Aber bei mir ist es so: Wenn ich einen Job erledigt habe, habe ich sofort zwei neue Dinge im Kopf. Ich bin nun mal ehrgeizig. Es gibt Leute, die sind froh, wenn sie in ihrem angestammten Betätigungsfeld bleiben, aber für mich wäre das nichts gewesen.

sicht+sonnenschutz: Auf Ihrem Weg sind Sie zwangsläufig an vielen anderen im Unternehmen vorbeigezogen. Das schafft auch Neider, oder?
Freund: Klar bin ich an vielen vorbeigezogen, an fast allen, würde ich sagen. Probleme hatte ich damit nie. Aber es war und ist für mich auch immer wichtig, offen und ehrlich zu kommunizieren. Damit schafft man Konflikte aus der Welt. Einen Ruf hat man natürlich immer, nehme ich an.

sicht+sonnenschutz: Was haben Sie denn für einen Ruf?
Freund: Konsequent, würde ich sagen …, konsequent und durchsetzungsstark, aber auch sozial. Nur bin ich der Meinung, beides muss in einem vernünftigen Verhältnis bleiben.

sicht+sonnenschutz: Was heißt vernünftig?
Freund: Wenn ein 55-Jähriger über vier Jahrzehnte hart für das Unternehmen gearbeitet hat und dann nicht mehr so kann wie früher, dann sind da andere Maßstäbe anzulegen als bei einem 35-Jährigen, der Führungskraft sein will und keine Leistung bringt.

sicht+sonnenschutz: Nach der Neuaufstellung im Vorstand sind bei Warema nun Entwicklung und Vertrieb in einer, in Ihrer Hand – eine Konstellation, die Risiken birgt?
Freund: Risiken haben Sie doch immer. Wir glauben, dass die Konsequenzen zu 80 Prozent Vorteile bringen werden. Wir können Entwicklungsprojekte in Zukunft einfach besser planen. Normalerweise geht ja die Schere zwischen Vertrieb innen und Vertrieb außen auf; die einen glauben, das Produkt XY hätte fantastische Chancen, die anderen sagen, es ließe sich nicht verkaufen. Ich bin dafür, Themen von verschiedener Seite zu beleuchten. Und dann will ich von denen, die es verkaufen sollen, eine Unterschrift haben.

sicht+sonnenschutz: Wie, die verpflichten sich schriftlich?
Freund: Nur im übertragenen Sinn, das ist eine Redensart von mir: Da will ich deine Unterschrift. Das bedeutet, ich will, dass jemand verbindlich sagt: Jawohl, das machen wir. Und natürlich scheue ich mich am Ende auch nicht zu sagen: Ich treffe die Entscheidung. Das kann auch ein Bauchgefühl sein. Dafür haben wir ja die Erfahrung.

sicht+sonnenschutz: Wie hoch ist das Budget bei Warema für die Entwicklung? Und wie hat es sich in der jüngeren Vergangenheit entwickelt?
Freund: Wir geben im Jahr um die zehn Millionen Euro aus, inklusive der Personalkosten. Das Budget ist sicherlich im Lauf der Jahre gewachsen. Zusätzlich investieren wir pro Jahr zwei Millionen Euro in das Qualitätsmanagement.

sicht+sonnenschutz: Sie kennen si cher die These, große Unternehmen würden im Verhältnis zu kleineren Einheiten Innovationskraft einbüßen. Wie sehen Sie das?
Freund: Also eines ist klar – auch als größeres Unternehmen ist der Mut, Neues anzupacken, eine wesentliche Voraussetzung für dauerhaften Erfolg. Dazu kommt aber natürlich auch die genaue Prüfung von Marktchancen. Und in der Tat kann es ein Weg sein, auch im Markt die Augen nach intelligenten Lösungen offen zu halten. Es wäre ja arg vermessen zu glauben, Warema habe das alleinige Patent auf Ideen. Ein Beispiel: Wir haben gemäß unserem Anspruch als Sonnenlicht-Manager einen Weg gefunden, mit neuen Geometrien die Pakethöhen beim Raffstore zu reduzieren. Was die innovative, selbstreinigende EcoClean-Beschichtung der Lamellen angeht, so sind wir bei der Alcoa-Tochter Reynolux fündig geworden.

sicht+sonnenschutz: Warema hat eine führende Position im Objektgeschäft inne und arbeitet mit renommierten Architekten zusammen. Muss das Fachhandwerk da keine Angst
haben, in der Prioritätenliste immer weiter nach unten abzurutschen?
Freund: Natürlich wickeln wir große Objekte ab und arbeiten mit hoch dekorierten Architekten zusammen. Das ist aber nur eine Seite der Medaille: Wir werden sicher nicht vergessen,
wer unsere Produkte kauft und damit unser Unternehmen und die Arbeitsplätze finanziert. Unsere Fachpartner sind uns mindestens genauso wichtig. Übrigens haben die Lamelle 80S, von der gerade die Rede war, unsere 237 Kompetenz-Partner dieses Jahr exklusiv im Sortiment. Insgesamt arbeiten wir in Deutschland mit mehr als 5.000 Betrieben im Handel und Handwerk zusammen, und diese Zahlen sind gestiegen.

sicht+sonnenschutz: Herr Freund, vielen Dank für dieses Gespräch.

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