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Rosenheimer Tür- und Tortage digital Die Krise als Chance nutzen

Eine Premiere der besonderen Art feierte das ift Rosenheim am 28. Mai 2020 mit den Rosenheimer Tür- und Tortagen digital: Anstelle einer Präsenzveranstaltung ging das Institut mit einem virtuellen Format an den Start – mit erfolgreichem Ergebnis.

„Wir hätten Sie gern persönlich begrüßt, aber Corona hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht“, moderierte Manfred Stoff vom ift-Rosenheim das neue Format an. Auch Prof. Jörn Lass, seit dem 1. Januar 2020 neuer Institutsleiter am ift Rosenheim, hatte sich seinen Start in der Tür- und Torbranche anders vorgestellt. Aber: „Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen“, bekräftigte er. Deshalb habe sich das ift entschieden, den Branchentreff nicht abzusagen, sondern die Krise als Chance zu nutzen und neue Wege mit einem Onlinekongress zu gehen.

Mehr als 80 Teilnehmer aus sechs Ländern – Deutschland, Frankreich, Österreich, Polen, Schweiz und China – verfolgten die rund zehnminütigen Impulsvorträge der Experten in den Themenblöcken Sicherheit, Markt & Trends, Brandschutz sowie Tore & Schwellen. Am Ende jeder Session stand eine Diskussionsrunde, bei der die Zuschauer ihre Fragen via Chat an die Referenten richten konnten. Zusätzlich lockerten Kurzumfragen, wie z.B. „Nehmen Sie allein oder mit Kollegen an der Veranstaltung teil?“, das Digitalformat auf.

Einbruchhemmung: Fühlen wir uns zu sicher?

Eine erfreuliche Bilanz zog Josef Mossreiner vom LKA München in seinem Vortrag „Fühlen wir uns zu sicher?“: Die Zahl der Wohnungseinbrüche sei 2019 um 10,6 Prozent zurückgegangen, zugleich scheiterten 45,3 Prozent der Einbruchversuche. Die Aufklärungsquote sei mit nur 17,4 Prozent vergleichsweise gering. Ein weiterer Wermutstropfen seien Gewerbeobjekte.  „Vor allem der Leerstand bereitet Probleme“, so der Experte. Die Schwachstellen bei den Einfamilienhäusern seien laut der Kölner Studie 2017 Fenstertüren mit fast 50 Prozent, gefolgt von Fenstern (27 Prozent), Haustüren (18 Prozent) und Kellern (4,5 Prozent). Den größtmöglichen Schutz biete eine solide Mechanik. Das LKA veröffentliche aktualisierte Herstellerverzeichnisse, z.B. über einbruchgeprüfte und zertifizierte Türen und Tore, und stelle Adressenlisten von Fachfirmen für die Nachrüstung zur Verfügung (www.k-einbruch.de).

Über die Einbruchhemmung von Beschlägen in den Bereichen Biometrie, Chipkarten, Tokens, PIN-Codes und Smart Devices referierte Falko Adomat vom VDMA Fachverband Sicherheitssysteme. Bei seinen Ausführungen bezog er sich auf Angriffsmethoden und Schutzmaßnahmen gemäß Normentwurf DIN EN 1627:2019. „Die Norm sollte Mitte 2020 erscheinen, aber der Entwurf wurde abgelehnt“, erklärte er. „Deshalb werden die Technologien erst um einiges später – und mit anderen Anforderungen – in die Norm einfließen.“

Pandemie beschäftigt die Bauindustrie noch bis 2022

Das Highlight in der Session Markt & Trends war der Vortrag von Ernst Rumpeltes, Interconnection Consulting, über die Entwicklung der europäischen Baukonjunktur. „Die Corona-Krise hat die größte Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg eingeläutet“, schilderte er. Prognosen zufolge werde das BIP-Wachstum in Deutschland 2020 um minus sieben Prozent sinken. Im Folgejahr soll sich die Konjunktur wieder erholen und ein Plus von 5,2 Prozent erreichen, allerdings sei die Entwicklung noch mit Fragezeichen versehen.

Die Auswirkungen der Pandemie werden die Bauindustrie noch bis 2022 begleiten. Beispiel Neubauaktivitäten: Laut Interconnection Consulting stieg die Zahl der Fertigstellungen von 2014 bis 2019 europaweit von rund 1,43 auf etwa 1,89 Millionen Wohneinheiten. Im Jahr 2020 rechnen die Analysten mit einem Rückgang der Fertigstellungen auf rund 1,7 Millionen Wohneinheiten (minus 9,3 Prozent gegenüber 2019). Diese Trendwende erreiche 2021 ihren Tiefpunkt mit rund 1,48 Millionen Fertigstellungen (minus 13,3 Prozent gegenüber 2020). Erst ab 2022 setze wieder eine Aufwärtstendenz (plus 1,0 Prozent gegenüber 2021) ein. Interessant: Noch vor der Wirtschaftskrise im Jahr 2007 habe das Bauvolumen in Europa bei 2,9 Millionen Wohneinheiten gelegen.  

Beschlagnormung: Ein Brexit ist der falsche Ansatz

Über turbulente Zeiten bei den Feuer- und Rauchschutzabschlüssen berichtete Christian Kehrer vom ift Rosenheim. „Im Bereich der Normung verzeichnen wir einen Harmonisierungsstau“, betonte er. Die letzte harmonisierte und im EU-Amtsblatt veröffentlichte Norm sei im Jahr 2008 die DIN EN 1125 gewesen. Verantwortlich für den Stau seien Gründe wie die hakende Zusammenarbeit der Kommission mit CEN und den EOTA-Instituten. Zuletzt habe die ARGE vorgeschlagen, die Beschlagnormen zu deharmonisieren.

Was die Zweigleisigkeit in der Praxis bedeuten würde, verdeutlichte er am Beispiel der DIN EN 12209: Die derzeit gültige Fassung stammt aus dem Jahr 2003, die Neufassung von 2016 wurde noch nicht im EU-Amtsblatt veröffentlicht. „Letztere wird jedoch bereits in aktuellen Normentwürfen wie der prEN 1627:2019 zitiert“, erläuterte er das Dilemma. Demzufolge müssten Hersteller für die CE-Kennzeichnung die 2003er-Fassung und für die Einbruchhemmung die 2016er-Fassung anwenden. Sein Fazit: „Ein Brexit bei der Normung ist der falsche Ansatz.“ Eine Lösung könne nur sein, die Kräfte aus Industrie, Instituten und Verbänden besser zu bündeln.

Einbruchhemmende Tore: Mit der Einführung der neuen DIN SPEC 18194 besteht nach fast zehn Jahren wieder die Möglichkeit, Tore vergleichbar mit der DIN EN 1627 zu prüfen und gemäß RC 1N bis 6 zu klassifizieren. „Die Norm schlägt die Brücke zwischen der DIN EN 1627 und den Toren“, hob Fabian Kutscher vom ift Rosenheim hervor. Künftig könnten Tore nach DIN SPEC 18194 und z.B. Schlupftüren nach DIN EN 1627 klassifiziert werden. Die Veröffentlichung der DIN SPEC 18194 sei für das dritte Quartal 2020 geplant. „Dadurch wird die Vermarktung vereinfacht“, schlussfolgerte der Referent.

Lass: „Machen Sie die Produkte fit für die Zukunft.“

Welche Markttrends bestimmen die Tür- und Torbranche? Darüber diskutierten die ift-Experten in der finalen Diskussionsrunde. „Themen wie Einbruchschutz von Toren, Barrierefreiheit, CO2-Kompensation und Hygiene bzw. antiseptische Oberflächen bieten großes Entwicklungspotenzial“, sagte Kutscher. Corona habe die Durchführung der Audits am ift komplett auf den Kopf gestellt. So habe man zeitweise komplett auf eine Remote-Auditierung umstellen müssen. „Was bleiben wird ist eine Mischung aus Video- und Vorort-Audit“, ergänzte er.

Laut Institutsleiter Lass ist derzeit vieles in Bewegung. Seiner Einschätzung nach gehören die Nachhaltigkeit der Produkte sowie digitale Überwachungs- und Zutrittskontrollsysteme zu den Zukunftsthemen. Auch in den Bereichen Sicherheit und Barrierefreiheit profitiere der Markt von permanenten Weiterentwicklungen. Die größten Herausforderungen seien der Harmonisierungsstau und die aktuelle Corona-Krise, die sich 2020 in einem Rückgang der Absatzzahlen manifestieren werde. Dennoch sollten sich die Hersteller nicht davon abhalten lassen, Innovationen in den Markt zu bringen. Seine Botschaft an die Branche: „Warten Sie nicht auf die Unterstützung durch die Normung – machen Sie die Produkte fit für die Zukunft.“

Kirsten Friedrichs

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